Lieblingstapeten per Touchscreen: Tapentenmuseum in der Neuen Galerie

Bereitet eine Tapetenausstellung in der Neuen Galerie vor: Dr. Astrid Wegener. Foto: mhk

"Schöner Schein! Luxustapeten des Historismus" lautet 2016 ein Ausstellungshöhepunkt in Kassel. Das Tapetenmuseum präsentiert sich vom 29. April an in der Neuen Galerie.

Wir sprachen mit Dr. Astrid Wegener, bei der Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK) Leiterin des Tapetenmuseums.

Was erwartet uns in der Neuen Galerie? 

Dr. Astrid Wegner: Hauptsächlich Tapeten von Paul Balin (1832-1898), dem in Paris ansässigen herausragenden Tapetenfabrikanten des Historismus. Er hat sich nicht nur einen Namen gemacht mit herausragenden Stil- und Materialimitationen, sondern ist auch zu trauriger Berühmtheit erlangt, weil er nach einer Reihe von Prozessen gegen Konkurrenten Selbstmord begangen hat. Er war der Meinung, dass sie ihn ständig imitierten. Er verlor diese Prozesse zunehmend, das hat ihn finanziell geschwächt. Wir wollen ausgehend von neuen Forschungsergebnissen mehrere Aspekte besonders vorstellen.

Und welche Fragestellungen sind das? 

Wegener: Zum einen die Produktion von Paul Balin, die Frage, was seine Tapeten so besonders macht . Das stellt auch technische Fragen in den Fokus. Dann fragen wir nach der Genese und den Inspirationsquellen. Balin setzte sich als Kind seiner Zeit im Sinne des Historismus mit Vorlagen auseinander, mit Textilien und Goldledertapeten, er hatte eine reiche eigene Sammlung als Mustervorlage. Aus diesen Beständen und denen der jungen Gattung des Kunstgewerbemuseums hat er kopiert. Also etwa aus dem heutigen Victoria & Albert Museum und den Pariser Museen. Das ist ein tolles Forschungsergebnis: Wir konnten im Musée des arts décoratifs Teile seiner Privatsammlung ausmachen, die bislang als verschollen galt. Wir können die Vorlage neben seine Tapete stellen und zeigen, was sich verändert hat, inwieweit er dem Vorbild treu ergeben war.

Um welche Aspekte geht es noch?

Wegener: Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Thema Weltausstellungen. Da wird Balin als eine unter vielen anderen Manufakturen gezeigt, es wird ein Weltausstellungskontext inszeniert, sozusagen eine Gesamtschau von Meisterleistungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hauptsächlich sind das Produkte der französischen Industrie, aber unter dem Aspekt „Kampf der Nationen“ werden auch englische und deutsche Tapeten gezeigt, die nachweislich auf Weltausstellungen vertreten war.

Aber im Mittelpunkt steht der Stand Balins, der 1873 in Wien einen fulminanten Erfolg gefeiert hat. Wir werden da einige Neuentdeckungen aus dem Museum für angewandte Kunst in Wien in historischen Vitrinen zeigen, die nachweislich von Balin an das Museum geschenkt wurden.

Was bedeutet eigentlich Stil- und Materialimitationen genau? 

Wegener: Im Historismus sind typisch die Neostile: Man hat versucht, vergangene Stile zu imitieren. Also mittelalterliche Ornamentik, Renaissance-, Barockstile und so weiter. Genau das hat Balin auch gemacht, indem er historische Textilien nahezu kopiert, wenn nicht sogar verbessert hat. Materialimitationen meint, dass Papier durch technische Finessen scheinbar in Kacheln, Seiden- und Brokatstoffe verwandelt wird. Es gibt ganz interessante zeitgenössische Berichte, dass man an Paul Balins Stand vorbeiging und nicht genau wusste, ob es sich um Papiertapeten oder tatsächlich echte Goldledertapeten, um historische Textilien oder Kacheln handelte. Dafür hat er sich einen ganz großen Namen gemacht.

Gibt es einen bedeutenden Kasseler Bestand, von dem Sie ausgehen können? 

Wegener: Ja, ein Teil ist durch den spektakulären Ankauf der Sammlung Bernard Poteau 1996 hierher gelangt. Ausgehend davon werden wir Leihgaben von neun international renommierten Museen bekommen.

Wie eignen sich die Räumen der Neuen Galerie für die Ausstellung? 

Wegener: Wir haben neue Lichtverhältnisse bekommen, das spielt eine große Rolle. Wir können das Licht dimmen, das war bisher nicht der Fall. Für die Ausstellung ist das unabdingbar, da wir ganz fragile und lichtempfindliche Textilien und Tapeten haben werden. Von daher sind die Voraussetzungen ganz gut. Die Räumlichkeiten eignen sich auch gut, um sehr schöne, größere Panoramatapeten zu zeigen. Das wird auch ein Highlight. Balin soll ja auch in den Kontext seiner Zeit gesetzt werden, da spielen Panoramatapeten eine große Rolle, die auf den Weltausstellungen Preise gewonnen haben. Dafür haben wir genügend Raum.

Sie verstehen diese Ausstellung sicher auch als Werbung fürs Tapetenmuseum. Sie waren zuletzt im Westpavillon der Orangerie, jetzt stellen Sie sich auf die Neue Galerie ein. Sie haben sicher weiterhin die Hoffnung, ein dauerhaftes Domizil zu bekommen. 

Wegener: Ja, natürlich, auf jeden Fall. Die Sonderausstellung sind schon eine Vorbereitung auf das, was in einigen Jahren kommen wird. Wir müssen uns neue, spannende Themen ausdenken. Das Material hat viel zu erzählen. Die Ausstellungen dienen als Experimentierfläche, auch was neue Medien angeht.

Wie wollen Sie neue Medien bei dieser Ausstellung nutzen? 

Wegener: Wir richten einen digitalen Raum ein, wo der Besucher über einen Touchscreen Tapeten aussucht, die an drei Wände projiziert werden, um ein Raumgefühl zu bekommen. Tapeten, die man sammelt und aufbewahrt, sind zum größten Teil in Fragmenten vorhanden. Deshalb hat man immer den Eindruck eines Bildes oder einer Grafik. Aber es handelt sich ja um einen Wanddekors, der einen Raum ausstattet. So kann man seine Lieblingstapeten an die Wand werfen.

Astrid Wegener berichtet über die Forschung zur Ausstellung und gibt einen ersten Einblick am 5. Februar, 19.30 Uhr, im Hörsaal der Uni, Campus Wilhelmshöher Allee 71-73, Eingang C.

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