Wie die Nadel im Heuhaufen

Taskforce zur Sammlung Gurlitt beendet Arbeit mit magerer Bilanz

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Recherche: Taskforce-Chefin Ingeborg Berggreen-Merkel (links) und wissenschaftliche Koordinatorin und künftige Projektleiterin Andrea Baresel-Brand.

Ende 2015 hat die Forschergruppe zum spektakulären Kunstfund von Cornelius Gurlitt ihre Arbeit abgeschlossen. Mit welchem Ergebnis? Wie geht es weiter?

Die Bilanz 

Die Taskforce sollte klären, welche Bilder aus dem Gurlitt-Bestand jüdischen Besitzern von den Nazis gestohlen oder zu Spottpreisen abgepresst worden waren. Bei nur fünf von 500 raubkunstverdächtigen Werken ließ sich klar Nazi-Unrecht nachweisen (siehe Hintergrund). Mitte Januar will das 15-köpfige Gremium seinen Bericht vorlegen. Zu jedem zweifelhaften Werk, das seit 2013 auf der Datenbank Lost Art eingestellt ist, sollen die gesicherten Ergebnisse zusammengefasst werden.

Die Kritik 

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hatte die Rückgabe „ohne Wenn und Aber“ versprochen. Nach zweijähriger Arbeit und 1,7 Mio. Euro Fördergeld jedoch ist die Aufklärungsquote lediglich ein Prozent. Opferverbände warfen dem Gremium Geheimniskrämerei vor. Bayerns Grünen-Fraktionschef Sepp Dürr kritisierte die „reine Alibi-Veranstaltung“ als „Blamage“. Grütters bekräftigt: „Wir wollen möglichst jedes von den Nazis geraubte Werk zurückgeben.“

Die Schwierigkeiten 

Aus dem Gurlitt-Nachlass: Max Liebermanns Gemälde „Zwei Reiter am Strand“ wurde 2015 an die Erben des jüdischen Sammlers David Friedmann zurückgegeben und für 2,6 Mio. Euro bei Sotheby’s versteigert.

Taskforce-Leiterin Ingeborg Berggreen-Merkel hatte immer vor zu großen Hoffnungen gewarnt: Bei einer Reihe von Werken werde sich die Herkunft wegen fehlender Quellen selbst bei gründlichster Recherche nicht lückenlos klären lassen. „Wir haben alles zusammengetragen, was wir in Archiven, Datenbanken, Katalogen und anderen Dokumenten weltweit gefunden haben“, sagt sie. Es gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

Zu zahlreichen Werken gibt es überhaupt keine Spuren. Viele Unterlagen gingen durch Flucht oder Deportation verloren. Mitunter erheben mehrere Menschen Anspruch auf ein Bild, etwa bei seriellen Arbeiten auf Papier. So kann womöglich eine Familie einst den fünften Druck aus einer 20er- Auflage besessen haben (5/20), die andere den achten (8/20), ohne dass dies auf den Werken vermerkt wäre. „Gerade bei konkurrierenden Ansprüchen muss unser Urteil hieb- und stichfest sein“, sagt Berggreen-Merkel. „Wenn wir hier einen Fehler machen würden, käme das einem neuen Entzug gleich.“

Insidern zufolge waren manche Taskforce-Mitglieder keine Experten für Provenienzforschung, angesichts der Datenmengen gab es Reibungsverluste bei der Kommunikation.

Die Zukunft

Monika Grütters

Die Arbeit der Taskforce wird unter dem Dach des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste in Magdeburg fortgesetzt. Die Stiftung von Bund, Ländern und Kommunen bündelt seit Anfang 2015 die Forschung zu NS-Raubkunst, Beutekunst und Kunstverlusten in Museen, Bibliotheken und Archiven und berät private Sammler. Die Staatsministerin will die Kosten übernehmen. Die Mitarbeiter bekämen neue Verträge. Stiftungsvorstand Uwe M. Schneede verspricht: „Unser Ziel ist, schneller und transparenter zu arbeiten. Wir wollen aus Fehlern lernen.“ Eine Gurlitt-Ausstellung durch die Bundeskunsthalle Bonn Ende 2016 soll die Aufklärung ebenfalls voranbringen. Grütters: „Ich erhoffe mir davon eine breitere Einbeziehung internationalen Fachwissens und die Aufmerksamkeit möglicher Anspruchsteller.“ Auch die documenta 14 möchte die Gurlitt-Werke zeigen. Der künstlerische Leiter Adam Syzmczyk beklagte kürzlich mangelnde Unterstützung. (mit dpa)

www.taskforce-kunstfund.de

kulturgutverluste.de

lostart.de

Die Sammlung Gurlitt

Der im Mai 2014 gestorbene Cornelius Gurlitt hatte in seiner Schwabinger Wohnung mehr als 1250 teils hochkarätige Kunstwerke gehortet. Später wurden in seinem verwahrlosten Haus in Salzburg fast 250 weitere Arbeiten gefunden. Die Werke stammten von seinem Vater Hildebrand Gurlitt, der als einer der wichtigsten Kunsthändler der Nazis nebenher eine private Sammlung aufbaute.

Gurlitt hat seine Sammlung dem Kunstmuseum Bern vermacht, eine Cousine ficht das Testament an. Laut einem fast 150 Seiten starken Gutachten war Gurlitt am Tag, an dem er es verfasste, testierfähig. Die Prozessbeteiligten haben bis zum 1. Februar Zeit, sich zum Gutachten zu äußern. Wann das Oberlandesgericht München über die Rechtmäßigkeit des Testaments entscheidet, ist unklar.

Die Raubkunst-Fälle

Max Liebermanns Ölgemälde „Zwei Reiter am Strand“ (1901) war im Besitz des Kaufmanns David Friedmann, „mit höchster Wahrscheinlichkeit“ wurde es von den Nazis beschlagnahmt, später von Hildebrand Gurlitt gekauft. 2015 Rückgabe an die Erben. Für 2,6 Mio. Euro versteigert.

„Sitzende Frau“ (1921) von Henri Matisse gehörte dem Sammler Paul Rosenberg, kam in Hermann Görings Besitz und über Umwege in die Sammlung Gurlitt. Rückgabe an die Rosenberg-Erbinnen am 15. Mai 2015.

Zeichnung „Das Klavierspiel“ (um 1840) von Carl Spitzweg, dem Leipziger Geheimrat Henri Hinrichsen weggenommen, ins Museum für Bildende Künste in Leipzig gebracht. Gurlitt erwarb sie für 300 Reichsmark, ohne dass Hinrichsen das Geld bekam. Noch nicht zurückerstattet.

Camille Pissarros Ölgemälde „La Seine vue du Pont-Neuf, au fond le Louvre“ (1902) gehörte einem jüdischen Kunstsammler. 1942 in Paris beschlagnahmt, galt seit 1945 als verschollen. Mit der einzigen Tochter des ehemaligen Besitzers laufen Rückgabegespräche.

Bleistiftzeichnung „Inneres einer Gotischen Kirche“ (1874) von Adolph von Menzel, 1938 weit unter Wert von Erben des Hamburger Sammlers Albert Martin Wolffson (1874-1913) verkauft. Sie wollten ihre Flucht in die USA finanzieren. Bisher hat kein Erbe Anspruch erhoben.

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