TV-Kritik

"Tatort" aus Hamburg: Schäbig gegen schick

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Tatort: Im Bordell - Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring), Julia Grosz (Franziska Weisz).

Die goldenen Zeiten des alten St. Pauli sind vorbei. Im "Tatort" aus Hamburg wird die Vergangenheit verklärt. Unsere TV-Kritik:

  • Tatort überzeugt
  • Präzise Milieuzeichnung
  • Ironischer Titel

Abgeranzt und schmuddelig hier, glatt und gestylt dort – der NDR-„Tatort“ von der Reeperbahn des jungen Duos Georg Lippert (Buch) und Mia Spengler (Regie) überzeugte mit seiner präzisen Milieuzeichnung.

Spannende Figuren: die einstige St. Pauli-Größe (einprägsam: Christian Redl), nun angewiesen auf Sauerstoff im Seniorenheim; seine Tochter, die sich elitär-intellektuell gibt, doch von schmutzigem Geld profitiert; Adlatus Lübke (großartig: Michael Thomas), dessen im Selbstverlag erschienene Erinnerungen niemand liest. 

Tatort auf St. Pauli: Julia Grosz (Franziska Weisz), Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring). 

Dagegen der Albaner-Boss mit seiner Entourage: Goldketten, Sonnenbrillen, sorgsam gestutzte Bärte. Die abgerockte Kneipe, in der noch ein Adenauer-Porträt hängt und Juliane Werding läuft, versus schicke Shisha-Bars.

Tatort: Der Titel war zutiefst ironisch

Der Titel dieses dichten Krimis, „Die goldene Zeit“, war zutiefst ironisch. Auch ein verklärender Blick auf einen früher vermeintlich „familiären Zusammenhalt“ verfälscht die elendiglichen Verhältnisse. 

Für heutige Verzweiflung stand der erbarmungswürdige Täter, ein vielleicht 14-Jähriger. Kiez-Urgestein Lübke war versucht, ihn väterlich unter seine Fittiche zu nehmen – wie einst Ermittler Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring). 

Lübke ließ sich zuletzt in tragischer Verkennung der Situation vom Albaner-Clan mit Kugeln durchlöchern. Falke und Julia Grosz (Franziska Weisz) kamen zu spät. Das alte St. Pauli ist tot.

Tatort aus Dortmund: ein erschütternder Krimi über Kindesmisshandlung. 

Video: Verstehen Sie Spaß? Reingelegt beim Tatort-Dreh

Von Mark-Christian von Busse

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