Der „Tatort“ im Doppelpack: TV-Kritiken zu den Folgen aus Köln und Frankfurt

Das „Tatort“-Fieber glüht weiter: Gleich zwei neue Folgen liefen am Sonntagabend. Zur besten Sendezeit ging es zum HR-„Tatort“ nach Frankfurt. Und weil die Folge, die der WDR für seine Kölner Kommissare Ballauf und Schenk produzieren ließ, so brutal war, dass sie nicht um 20.15 Uhr gesendet werden konnte, kam sie danach. Zwei Kritiken.

Tatort um 20.15 Uhr: Ein Fall zum Frösteln

Mark-Christian von Busse über „Der Eskimo“ vom HR 

Viele „Tatorte“ aus Frankfurt zeichneten sich zuletzt durch klirrende Kälte aus. Münsteraner Humor? Undenkbar. Dazu trägt vor allem der großartige Joachim Król bei, dessen ruppiger Ermittler Frank Steier oft wie von einem Eispanzer umhüllt scheint. Den aktuellen Fall, passend „Der Eskimo“ betitelt, siedelten die Autoren Hendrik Handloegten und Achim von Borries, der auch Regie führte, ebenfalls am Gefrierpunkt an – dafür stand nicht nur der Schneegriesel in der winterlichen Mainmetropole.

Es gab einen seltenen, komischen Moment, in dem Steier, vom Pathologen beobachtet, selbstvergessen tanzte. Ansonsten war Króls rüder, ja peinlicher Kommissar diesmal vollends unerträglich: ein Alkoholiker, der sich in sinnlose Revierkämpfe verstrickte, die junge Kollegin Linda Dräger (Alwara Höfels) reflexhaft wegbeißen wollte. „Kotzen Sie sich eigentlich nicht selber an?“, fragte die Assistentin, die sich nicht unterkriegen ließ, mit Recht. Und trotzdem ist es ein Jammer, dass sich Król entschlossen hat, beim „Tatort“ aufzuhören.

Die aufregende Geschichte um den Rachefeldzug des kaputten Ex-Soldaten Lars „Tony“ Quinn (Volker Bruch), der Steiers plötzlich aufgetauchte Ex-Frau (Jenny Schily) umgarnte, war ungewöhnlich und stimmig. Steier ist wirklich fast am Ende. Aber der HR gönnte Król einen vorletzten „Tatort“, der im Gedächtnis haften wird.

Tatort um 22 Uhr: Brutales Denkmal

Matthias Lohr über „Franziska“ aus Köln 

Es ist tragisch, dass Tessa Mittelstaedt erst aufhören musste, damit sie den „Tatort“-Zuschauern zeigen durfte, was sie kann. Die 39-Jährige, die mehr als zwölf Jahre die Assistentin Franziska der Kölner Kommissare gab, hört auf, weil sie schauspielerisch als Sidekick von Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) nicht ausgelastet war.

In der Abschiedsfolge „Franziska“ hat Mittelstaedt sich (und allen Nebendarstellern) ein Denkmal gesetzt. Es war ihr Fall. Als Bewährungshelferin wurde sie im Knast von dem Mörder und Vergewaltiger Daniel Kehl (Hinnerk Schönemann) als Geisel genommen, der sich freipressen wollte. Die Kommissare tauchten zum ersten Mal nach 22 Minuten auf.

Selten hat man einen spannenderen „Tatort“ gesehen. Dror Zahavi inszenierte das Drehbuch von Jürgen Werner als Mischung aus Kammerspiel und Thriller mit einer klaustrophobischen Stimmung. Dass „Franziska“ als erster „Tatort“ überhaupt wegen des Jugendschutzes nach 22 Uhr lief, war angemessen. Am Ende wurde es brutal. Der Kabelbinder, mit dem Kehl seine Geisel wie ein Hund an der Leine führte, schnitt sich immer tiefer in den Hals der Polizistin.

„Es sind die Augen, die man nicht mehr vergisst“, sagte der Peiniger zu Franziska, die wir nach diesem wahnsinnigen Ende ohne die obligatorische Wurstbude vermissen werden. Das weiß auch der WDR. Es soll keinen Nachfolger für Mittelstaedt geben.

Rubriklistenbild: © WDR/Martin Valentin Menke

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