Tatort vom Edersee - Ulrich Tukur: "Nichts ist hier, wie es scheint"

Jubiläum vom Edersee: Die ARD feiert den 40. Geburtstag ihrer Erfolgs-Krimi-Reihe „Tatort" am Sonntag mit einer Jubiläumsfolge: „Wie einst Lilly" wurde am Edersee und in Bad Wildungen gedreht. Ausgestrahlt wird sie am Sonntag, 28. November ab 20.15 Uhr in der ARD.

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Es betritt ein neuer Ermittler die Fernseh-Öffentlichkeit. Schauspielstar Ulrich Tukur spielt erstmals Felix Murot, einen Ermittler des Wiesbadener Landeskriminalamts, der in Nordhessen wegen einer Leiche im See ermittelt, obwohl alle an Selbstmord glauben. Die Spur führt zu einem RAF-Attentat längst vergangener Tage. Regie führt Achim von Borries nach einem Drehbuch von Christian Jeltsch. Murot bekommt zu Beginn des Films die Diagnose, dass er einen Hirntumor hat.

Was ist Ihre Erinnerung an den Dreh am Edersee?

Ulrich Tukur: Wir hatten verhangenes Wetter, diese Herbstlichkeit bestimmt ja auch den Film, er handelt von Vergänglichkeit und Tod. Der See war fast leer, es war gar kein See mehr, diese sonderbaren Gesteinsformationen wirkten wie in Osteuropa. Das hatte viel mit der Filmidee zu tun. Das war mehr als Hessen.

Murot wirkt wie ein Mann, der nicht fest im Leben verwurzelt ist - wie gelingt Ihnen das?

Tukur: Die Figur erhält die Information, dass sie an einer Krankheit leidet. Das ist ein tiefer Schreck. Ich glaube, so ein Mensch verrückt, gerät in eine andere Welt hinein. Das haben wir versucht zu zeigen. Nichts ist, wie es scheint: Der See ist kein See, das Auto, der RO 80, ist eine Ingenieursidee, die nicht funktioniert, die Sekretärin könnte in einem Büro des Jahres 1941 sitzen. Ich wollte eine Figur spielen, die aus ihrer Zeit herausgefallen und einsam ist, aber versucht, mit Anstand und Humor irgendwie weiterzulaufen.

Welche Details Ihrer Figur haben Sie mit festgelegt?

Tukur: Felix Murot hat einen überstarken Vater, er wollte Pianist werden. Er landet bei der Polizei und ist dort nicht glücklich. Er hat es nicht geschafft, sich zu binden, hat aber Sehnsucht danach.

Ab März drehen Sie wieder, wie wird die Figur weitergeführt?

Tukur: Das war jetzt die erste Begehung des Terrains. Ich hätte mir den Start extremer vorgestellt, etwa dass Felix eine richtige Beziehung mit seinem Tumor anfängt. Das war der Redaktion zu heftig. Der zweite Fall wird grotesker. Ich will in eine Welt entführen, in der man nicht weiß, ist das eine Vorstellung oder ist das die Wirklichkeit? Damit klar wird, wir wissen doch alle gar nicht, was wirklich ist. Das sind philosophische Fragen, die man im „Tatort“ auch mal verhandeln kann.

Im Moment gibt es riesiges Interesse am „Tatort“-Ermittler. Wie wird das weitergehen?

Tukur: Es ist ein stiller Film, ich weiß nicht, ob er die Massen vom Hocker haut. Wenn es nicht interessiert, kann der Herr Murot in aller Stille sterben. Das geht ganz schnell.

Sie werden im „Tatort“ oft von schräg hinten gefilmt, die Kamera passt sich Ihrer Blickrichtung an. Das schafft eine außergewöhnliche Subjektivität. Ist es ein komisches Gefühl, zu wissen, dass Ihr Nacken dauernd im Blick ist?

Tukur: Na ja, natürlich wischeln diese Maskendamen ständig an einem herum. Aber das ist mir wurscht. Vor irgendeinem Film hatte meine Tochter mir die Haare geschnitten, weil ich einen Rappel hatte. Da hatte ich den ganzen Film lang ein Loch in den Haaren drin, das war blöd. Aber man sieht so aus, wie man aussieht. Das Alter schlägt die Kerben ins Gesicht.

„Tatort“ ist wie Fußball-WM: Sobald es losgeht, besteht ganz Deutschland aus Experten. Warum ist die Reihe so wichtig?

Tukur: Weil sich der „Tatort“ immer erneuert hat. Neue Kommissare, neue Regionen, der Zeitgeschmack wird reflektiert, Interieurs, Jargon. Da entsteht Kulturgeschichte.

Der Tatort heißt „Wie einst Lilly“, das Lied „Lili Marleen“ kommt im Film und auf Ihrer neuen CD vor: Was macht den Zauber des Songs aus?

Tukur: Es ist ein filigranes, todtrauriges Gedicht über einen Menschen, der in den Krieg zieht und weiß, dass er darin umkommt. Ich habe es immer geliebt.

Sie sind jetzt auf Tour mit Ihrem Album „Mezzanotte“. Was mögen Sie an Liveauftritten?

Tukur: Das lebt. Im Film ist man Opfer der Kamera, des Schnitts. Es sind nur Sekunden, in denen man einen Impuls spürt, der wahrhaftig ist. Wenn man auf der Bühne steht und alle Hemmungen verloren hat, erlebt man Freiheiten, die man vor der Kamera nie hat.

Beim Dreh am Edersee war immer Ihr Hund dabei, ist der jetzt auch mit auf Tour?

Tukur: Nein, der ist bei meiner Frau in Venedig. Bei der letzten Tour mit Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys war er auf der Bühne, da hat er einen Löwen gespielt. Der ist total süß. Er ist ein sehr liebenswürdiger, scheuer Hund, der aber auf der Bühne zu enormer Selbstsicherheit findet.

Ulrich Tukur (53) wurde in Viernheim geboren, studierte in Tübingen und trat als Akkordeonspieler auf. Nach der Schauspielschule hatte er 1984 seinen Durchbruch im Theater. Zu seinen Filmerfolgen zählen: „Das Leben der Anderen“, „John Rabe“, „Ein fliehendes Pferd“ und „Nordwand“. Tukur hat zwei Kinder, er ist zum zweiten Mal verheiratet und lebt in der Toskana und in Venedig. 1995 gründete er die Band „Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys“. Derzeit ist er auf Tour mit seinem „Mezzanotte“-Album. Am 31.5. gastiert er bei „Sommer im Park“ in Vellmar. www.ulrichtukur.de

Eine Kritik des Tatorts steht nach der Sendung hier auf www.hna.de/kultur

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