Tatort-Kritik: Langes Stochern im Nebel

Kassel/Edersee. HNA-Redakteurin Maja Yüce über den Edersee-Tatort: Zwei Stimmen, die leise, vertraut und geheimnisvoll miteinander sprechen. Von Sicherheit ist da die Rede, und dann fällt ein Schuss. Eine geheimnisvolle Stimmung - die Szene zu Beginn war charakteristisch für die Tatort-Folge „Wie einst Lilly“.

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Ulrich Tukur ist der neue Kommissar Felix Murot. Den verschlug es in seinem ersten Fall an den Edersee. Murot ist LKA-Ermittler. Der neue hessische Tatort war mit Erzählsträngen überfrachtet: Ein neuer Ermittler mit einem Hirntumor, den er Lilly tauft, muss in seiner alten Heimat ermitteln.

Ein erschossener Journalist. Eine Tochter (Fritzi Haberlandt), die ihren bei einem RAF-Anschlag schwer verletzten Vater rächen will. Ihr Motiv: nicht nur Liebe, auch der Blick auf ihr eigenes, zerstörtes Leben. Eine Pensionswirtin (Martina Gedeck), die früher in der RAF aktiv war, dann aber deren Plan – eben diesen Anschlag - verriet. Ein ehemaliger Vize beim Bundeskriminalamt, der den Anschlag der RAF trotz Hinweisen darauf nicht vereitelte. Die Geschichte erschloss sich nicht gleich. War mindestens so geheimnisvoll, wie die Bildsprache des Tatorts wirkte.

Nebelschwaden über dem Stausee, der im Herbst halbvoll ist. Und ein blässliches Bild von der Pension am See. Die Szenerie wirkte düster, kalt, einsam. Das hauchte dem Tatort Mystik ein. Und das passt zu Murot: Der steht am Abgrund seines Lebens. Seine Stimmung ist morbide und melancholisch. Dazu hat er immer wieder Erscheinungen des RAF-Anschlages aus längst vergangener Zeit. Damals war er Ermittler, wurde vom Fall abgezogen. Weil er die falschen Fragen stellte. Jetzt stellt er wieder Fragen und stochert lange im Nebel. Die Vergangenheit holt ihn immer wieder ein („Willkommen zu Hause, nur nicht durchdrehen“).

Doch friemelt er sich einsam durch den Fall. Das erforderte Geduld vom Zuschauer. Massentauglich war dieser Tatort mit Starbesetzung nicht. Auch wenn Tukur dem Ermittler neben Tiefe auch Leichtigkeit gibt. Wirklich herausragend ist Barbara Philipp als Murots Sekretärin Magda Wächter. Überzeugend spielt sie die etwas kauzige und doch herzliche Mitarbeiterin. Dabei sind es vor allem die kleinen Gesten, die Details, die der Figur Tiefe geben.

Sie schenkt ihrem Chef Nüsse, damit der seinen nussgroßen Tumor knacken kann. Sie fragt besorgt nach, wie es ihm geht. Es ist dieser weiche Kern, der sie sympathisch macht. Die guten Kameraeinstellungen bleiben in Erinnerung. Oft wirkte es, als schaute man aus Murots Blickwinkel auf das Geschehen. Sein Ziel sei es, mit dieser asynchronen Figur Türen zu ganz anderen Welten aufzureißen, hat Tukur gesagt. Das ging zu lasten des Falls, der zwar aufgeklärt wurde, aber nicht spannend war.

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