Konzeptalbum

Tausendsassa kann auch Oper: Damon Albarns "Dr. Dee" 

Nein, weder die Britpop-Ikonen Blur noch die Comic-HipHop-Combo Gorillaz seien an einem Ende angekommen, ließ Damon Albarn kürzlich verlauten. Er könne sich vorstellen, mit beiden Bands in Zukunft wieder Musik zu machen.

Dabei dürfte der 44-Jährige gut beschäftigt sein.

Vor einigen Wochen erschien das selbst betitelte Debüt seines neuesten Projekts Rocket Juice & The Moon (gemeinsam mit Red-Hot-Chili-Peppers-Bassist Flea und Drummer Tony Allen), Albarn pflegte zudem zuletzt auf diversen Samplern seine Liebe zur afrikanischen Musik, produzierte das im Juni erscheinende Comeback-Album von Soul-Legende Bobby Womack. Und ja, eine Damon-Albarn-Soloplatte ist wohl auch noch in der Pipeline. Jene ist aber nicht zu verwechseln mit „Dr. Dee“, der 2011 in Manchester uraufgeführten Folk-Oper, die nun auch als Tonträger erscheint.

Musikalischer Dampfplauderer

Kommt man da noch mit? Will man das überhaupt? Mit der Geschwindigkeit, mit der dieser Hans-Dampf-in-allen-Gassen unterschiedliche stilistische Wege einschlägt, kann man kaum Schritt halten. Und man muss es auch nicht unbedingt. Albarn läuft Gefahr, sich zum musikalischen Dampfplauderer zu entwickeln: große Worte, große Ideen - nicht immer ganz so viel dahinter, wie man erhoffen konnte oder wollte.

So ähnlich verhält es sich auch mit „Dr. Dee“: Es ist natürlich nicht weniger als ein Konzeptalbum, die Oper ist inspiriert vom Leben von John Dee, einem Mathematiker und Universalgelehrten, der am Hofe von Elizabeth I. (1533-1603) als Berater diente. Eine Geschichte, die vielleicht als Bühnenstück funktioniert.

Ohne den visuellen Faden jedoch wirken die 18 Stücke des Albums etwas arg zusammengewürfelt: Da trifft Countertenor-Gesang auf moderne Sprachsamples, stehen einfach instrumentierte, wunderbare Folk-Songs neben mit wuchtiger Kirchenorgel orchestrierten Chorälen. Sein Haus-und-Hof-Drummer Tony Allen darf einige Afrobeat-Rhythmen beisteuern, sogar für eine westafrikanische Harfe findet Albarn auf „Dr. Dee“ Verwendung. Ausgebildete Opernsänger, das BBC Philharmonic Orchestra, ein Bläser-Trio und Ex-The-Verve-Gitarrist Simon Tong helfen bei der Umsetzung.

Tausendsassa Albarn beweist sein Können: Ja, er kann Choräle, große Orchestermusik, Renaissance-Folk, vielfältige Sounds. Schöner wäre es aber, wenn er wieder Songs können und mögen würde. Egal, ob er die mit Blur, den Gorillaz, solo oder sonstwie veröffentlicht. (tx)

Damon Albarn: Dr. Dee (Parlophone / Capitol/Emi)
Wertung: 4 Sterne

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