Manuel Grünberg studiert am Dänischen Institut für elektronische Musik

Techno auf Diplom

Ich studiere Bässe: Wo das Partyvolk die Nacht durchtanzt, ackern andere für ihren akademischen Abschluss. In Dänemark kann man Techno-Musik studieren. Foto: Picture Alliance

Berlin, Berghain. In dem legendären Techno-Club tanzt und schwitzt die Masse im Stroboskoplicht zu Loops und dumpfen Bässen und ahnt nicht, dass es sich bei den Discjockeys nicht etwa um die Klischee-Exzentriker mit der Pille im Bier handelt, sondern um begabte Akademiker. Deren Universität ist das Danish Institute for Electronic Music in Aarhus (DIEM), das ein Kuriosum anbietet: ein Techno-Studium.

Das Hobby zum Beruf zu machen klingt verlockend. Doch es erfordert Talent, um in Aarhus aufgenommen zu werden. Das DIEM begreift Techno als Kunst, nur vier von achtzig Bewerbern wurden im vergangenen Jahr angenommen. Die Ansprüche sind hoch. „Unsere Partyreihe im Berghain hat einen ganz schönen Hype ausgelöst“, erzählt Manu Grünberg am Telefon, im Hintergrund die Idylle seiner Flensburger Heimat, man hört einen ruhig vor sich hin plätschernden Bach. Der 22-Jährige, der von sich keine Bilder veröffentlichen will, überzeugte das DIEM, indem er ein Cello-Stück mit Elektro mixte.

Seit er mit 15 Jahren in einem Berliner Technoclub war, ist er von der Musik begeistert. „Die Ekstase in dem Schuppen hat mich einfach mitgerissen.“ Das war im Ostgut, dem Vorgänger des Berghains, das kürzlich zum besten Club der Welt gekürt wurde und ein Spielort in Helene Hegemanns Skandal-Roman „Axolotl Roadkill“ ist.

Inzwischen studiert Grünberg das vierte Semester Bässe. Seine Leidenschaft ist das Jammen. Zusammen mit seinem Dozenten Bjørn Svin tüftelt der Student am liebsten an der Soundmaschine mit synthetischen Klängen.

Diese Art von Engagement und Individualismus wird vom DIEM unterstützt. „Unsere Studenten müssen die Regeln brechen und die Grenzen des Elektro herausfordern“, sagt Dozent Wayne Siegel. Zum Studium gehört viel Physik, Musikgeschichte und Pädagogik. Wenn es mit der DJ-Karriere nicht klappt, sollen die Studenten wenigstens Musik unterrichten können. Die Akademie versteht sich nicht als Künstlerschmiede.

Zwischen zwei Welten

Bis zum Techno-Diplom feilt Grünberg an seinen Tracks. Dafür pendelt er zwischen Aarhus und Berlin hin und her, der ständige Wechsel inspiriert ihn. „Die Einstellung zur Musik ist in Aarhus eine andere“, sagt er. Das wilde Berlin will feiern, Aarhus will neue Musik erleben“. Ein Besser oder Schlechter gebe es da nicht. „Elektro hat keine Messlatte, nur emotionale oder technische Orgasmen. Die kicken unterschiedlich.“

Das DIEM hat Grünberg aufgemuntert, mit Klängen zu experimentieren. Immer häufiger synthetisiert er Geräusche aus dem Alltag. Scheppernde Dosen, Mutti beim Wirsing schneiden. In den Gassen von Istanbul hatte er sein Aufnahmegerät im Dauereinsatz. „Am liebsten würde ich mir ein Mikrofon in den Körper operieren lassen“, sagt das Techno-Talent. Nur auf der Bühne ist er der Alte geblieben. „Beim Platten auflegen hampele ich immer noch genauso rum wie früher.“

Von Philipp Brandstädter

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