Terror und nackte Deppen: Udo Jürgens besingt auf seinem Album den ganz normalen Wahnsinn

Mit 76 ist noch lange nicht Schluss: Udo Jürgens bei der Präsentation seines neuen Albums in München. Foto: dpad

München. Udo Jürgens ist so etwas wie der „Elder Statesman“, ein Staatsmann der deutschsprachigen Musik. Respektiert wird er von allen - egal, ob sie das, was er auf der Bühne macht, mögen oder nicht. Er gilt als „Moralist am Klavier“ („taz“), als Moralist im Bademantel - und diesem Titel macht Udo Jürgens auch auf seinem neuen Album alle Ehre.

„Der ganz normale Wahnsinn“ heißt die Platte. Seit mehr als 40 Jahren ist Jürgens einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Künstler. Er hat über 100 Millionen Alben verkauft, mehr als 1000 Lieder geschrieben und dafür einen Preis nach dem anderen bekommen.

Damit ist Udo Jürgen Bockelmann - so sein bürgerlicher Name - eine Ausnahmeerscheinung. Passend zur Veröffentlichung der neuen CD gab es bei der Album-Präsentation in München Platin für 200 000 verkaufte „Best of“-CDs in Deutschland.

Jürgens, dessen große Erfolge wie „Griechischer Wein“, „Mit 66 Jahren“ und das stets im Bademantel hingehauchte „Merci Chérie“ heute so etwas wie deutschsprachiges Kulturgut sind, zeigt sich auf seiner neuen Platte von seiner vielleicht besten und experimentierfreudigen Seite. Er swingt, jazzt, spielt mit Bigband - und nährt erneut Zweifel daran, dass dieser leidenschaftliche Musiker tatsächlich schon 76 sein soll. Im kommenden Jahr geht er auf große Tournee.

Er selbst, der von sich sagt, so langsam werde er erwachsen, hält sein Album allerdings für relativ unmodern. „Alles ist live eingespielt“, betont der Österreicher. „Es gibt keine Computer, die Sounds verändert haben. Das sind alles Menschen.“ Außerdem habe er sich - im Gegensatz zu vielen anderen - darum bemüht, dass seine Texte auch verstanden werden. „Es wird heute sehr viel genölt auf Schallplatten - das ist modern.“

Mehr als ein Schlagersänger

Den gesellschaftlichen „Wahnsinn“, der Titel des Albums und des ersten Songs ist, nimmt Jürgens in all seinen Facetten aufs Korn. „Terror, Sex und Talentklau“, Analogkäse und Zoff auf Schalke sind die Themen des Titelsongs. Es gibt eine Medienschelte, Kritik an „nackten Deppen im Container“ und eine Feststellung: „So kann’s nicht weitergehen.“ Er versuche immer, Aussagen zu transportieren, die ihm wichtig seien. „Weil ich als Schlagersänger gelte, werden sie aber nicht zur Kenntnis genommen.“

Und noch etwas stört ihn: Das Umgreifen von Anglizismen in der deutschen Sprache, Thema von „Alles ist so easy“ - einem sehr untypischen Jürgens-Song, wie er selbst sagt. Die deutsche Sprache sei oft viel prägnanter, viel direkter. Auch das beweist Jürgens mit seinem neuen Album. (dpa)

Udo Jürgens: Der ganz normale Wahnsinn (Ariola/Sony BMG). Wertung: vier von fünf Sternen

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