„Im Terrorsystem überleben“: Regisseur Steve McQueen über seinen Flm „12 Years A Slave“

Bei Dreharbeiten: Hauptdarsteller Michael Fassbender als Sklavenhalter Edwin Epps (links) im Gespräch mit Regisseur Steve McQueen. Foto:  tobis

Das oft verdrängte Thema Sklaverei wird in den USA durch das Filmdrama „12 Years A Slave“ (12 Jahre Sklave) von Steve McQueen neu diskutiert. Der diese Woche anlaufende Film basiert auf dem gleichnamigen autobiografischen Werk von Solomon Northup von 1853.

Warum haben Sie sich als britischer Filmemacher dazu entschieden, einen Film über die Sklaverei in den USA zu drehen?

Steve McQueen: Aus meiner Sicht gab es bisher keinen Film, der das Thema Sklaverei adäquat aufgearbeitet hat. Ich hatte zunächst einen groben Entwurf der Story, die von einem Afroamerikaner handeln sollte, der als freier Mann gelebt hat und dann in den Süden als Sklave verschleppt wird. Aber ich kam mit dem Drehbuchentwurf nicht voran, bis ich auf Solomon Northups Buch „12 Years a Slave“ gestoßen bin, das genau die Geschichte erzählte, die ich im Kopf hatte. Für mich ist das Buch die Geschichte der Anne Frank für Amerika. Beides sind Zeugnisse von Individuen, die in einem Terrorregime zu überleben versuchen.

Wie kommt es, dass das Buch Northups fast 150 Jahre unentdeckt blieb?

McQueen: Kurz nach „12 Years A Slave“ kam „Onkel Toms Hütte“ heraus, der zum wichtigsten Roman dieser Ära wurde. Ich bin sehr stolz darauf, dass das Buch durch den Film nun schon seit ein paar Wochen unter den ersten zehn Titeln auf der Bestseller-Liste der „New York Times“ steht.

Ihr Film formuliert auch die Brutalität des Systems der Sklaverei deutlich aus. Wie war ihre Herangehensweise an die Gewaltszenen?

McQueen: Wenn man sich dazu entschieden hat, einen Film über Sklaverei zu drehen, gehört es dazu, dass man zeigt, was dort vor 150 Jahren passiert ist. Dabei geht es auch um die mentale Gewalt. Ich bin nicht der Meinung, dass man diese schmerzhaften Szenen nicht aushalten kann.

Die Gewaltszenen stehen in deutlichem Kontrast zur Schönheit der Umgebung.

McQueen: Der amerikanische Süden ist eine wunderschöne Landschaft. Das spanische Moos hängt von den Bäumen. Der Wind weht durch die Wälder. Ich habe mich dagegen entschieden, die Gewaltszenen in düsterem Licht zu zeigen, weil man das im Leben auch nicht beeinflussen kann. Wir wollen immer unsere Moral über die Bilder stülpen, um solche Szenen besser aushalten zu können. Aber so ist die Welt nicht.

Was halten Sie von Quentin Tarantinos „Django Unchained“, der dasselbe Thema auf eine vollkommen andere Weise filmisch aufgearbeitet hat?

McQueen: Das sind zwei verschiedene Möglichkeiten einen Film über eine bestimmte historische Zeit zu machen. „Django Unchained“ ist eher eine Abenteuerkomödie und unser Film ein historisches Drama. Die Filme helfen sich in ihrer unterschiedlichen Herangehensweise. Je mehr Filme über dieses Thema gedreht werden, desto besser.

Worin liegt für Sie die Aktualität des Themas? Wäre es aktuell nicht sinnvoller einen Film darüber zu drehen, dass fast ein Drittel der afroamerikanischen Jugend im Gefängnis ist?

McQueen: Manchmal ist es wichtiger, die Wurzel der Dinge zu zeigen. Wenn wir über Kriminalität und die Situation afroamerikanischer Jugendlicher nachdenken, verweist ein Film wie „12 Years A Slave“ auf die Wurzel all dieser Übel. Diese Geschichte spielt 1853, aber man kann eine direkte Linie zu den Problemen unserer Gegenwart ziehen.

Zur Person

Der Londoner Regisseur Steve McQueen (44) besuchte Kunsthochschulen in Chelsea und New York. Er nahm als Künstler an den documenta-Ausstellungen 10 und 11 teil und bekam schon für sein Spielfilmdebüt „Hunger“ (2008) zahlreiche Preise. Viel Aufmerksamkeit erlangte auch sein zweiter Spielfilm „Shame“ über einen Sexsüchtigen. Er lebt mit Partnerin und zwei Kindern in Amsterdam.

Von Martin Schwickert

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