„Testosteron“ im tif zerlegt Mannsbilder

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Spiel im Goldrahmen: Jürgen Wink als Vater Fabian (von links), Alina Rank als Silvana, Anke Stedingk als Solveig und Enrique Keil als Slatko.

Kassel. Als der Zuhälter Slatko in die Gutmenschen-Idylle der reichen Familie Klemmer einbricht, singt er den Zubettgeh-Klassiker „Lalelu“ als Gruselschocker. Kurz darauf hält er den erschrockenen Bildungsbürgern einen Vortrag über Moral.

Der Halbweltler macht ihnen ihr Floskelrepertoire abspenstig. Vater Klemmer wehrt sich und pikst mit dem Stachel des Cellos auf ihn ein. Vergeblich. Der Eindringling (Enrique Keil) wirft sich die künftige Schwiegertochter Solveig über die Schulter und haut ab - als Ausgleich dafür, dass die Gutmenschen seiner Tochter Silvana (Alina Rank) den Ausstieg aus der Prostitution ermöglicht hatten.

Nun bleibt Vater Fabian (Jürgen Wink) keine Wahl. Sohn Ingo, der weichliche Mediziner im Strickpulli, taugt nicht zur Rettung seiner eigenen Braut. Der andere Sohn muss ran, der Abtrünnige: Rambotyp Raul (Aljoscha Langel), ein Killer, der nichts fühlen kann.

Rebekka Kricheldorf erzählt in „Testosteron“ das Märchen „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ als genau beobachtete, toll geschriebene schwarze Parabel.

Das Staatstheater Kassel zeigt die Uraufführung auf der Studiobühne tif in der Inszenierung von Schirin Khodadadian. Jubel und viel Applaus gab es dafür am Freitagabend.

Das Geschehen spielt in einem riesigen Goldrahmen. Bewegungsfreiheit gibt es in dem zweidimensionalen Raum zwischen Schrankwand, Fernsehern, Sofa und Sportpokalen fast nicht, die Figuren treten durch die Schrankfächer nach hinten auf und ab (Bühne und Kostüme: Ulrike Obermüller) – und fallen manchmal nach vorn aus dem Rahmen.

Khodadadian stellt in den turbulenten 100 Minuten das Thema Schein oder Sein ins Zentrum. Wo charakteristisch fürs Märchen gerade ist, nichts zu hinterfragen, bleiben hier keinerlei Gewissheiten übrig. Haltungen werden anprobiert wie Kleider, minütlich andere Küchentischweisheiten verkündet – gern im Chor der Bildungsbürger, die dafür kollektiv ihre Gelehrtenbrillen abnehmen. Was macht einen Mann aus? Wie kann ich mein Glück finden? Die Figuren versuchen, ihr gesellschaftliches Milieu nach oben oder unten zu verlassen – kommen dort aber nicht an.

Das Ensemble brilliert bei den derben Krachern ebenso wie bei fein nuancierten Stimmungswechseln. Anke Stedingk sorgt für Lacher mit Solveigs ungeschickten Erotik-Posen. Jürgen Winks Fabian müht sich mit Patriarchen-Selbstgefälligkeit. Alina Ranks Ex-Flittchen Silvana versucht den Oberschichtsblick, während ihre Hand in Fabians Hose rubbelt. Björn Bonn lässt Spießersohn Ingo das Grinsen im Gesicht festfrieren. Aljoscha Langels Mörder-Raul will plötzlich zum Softie werden und floskelt sich durch den Betroffenheitsjargon. Und Enrique Keils Gangster Slatko kehrt schließlich nach seinem Tod als zärtliches Gespenst zurück und hat dringenden Menschlichkeitsbedarf.

Am Ende liegt die Bühne voller abgehackter Plastik-Körperteile. Jeder ist ein anderer geworden. Nur Ingo nicht, der Zuhausebleiber. Doch ein Video (Stefano Di Buduo) zeigt ihn auf den Bildschirmen herumirrend wie ein Zombie. In der Kasseler Fußgängerzone.

Von Bettina Fraschke

Wieder am 29.11., 8.12., Karten: 0561-1094-222.

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