Frank Castorfs „Die Marquise von O...“ an der Volksbühne sehr frei nach Kleist

Teufels-Engel in Unterhose

Hang zu Albernheiten: Szene der Castorf-Inszenierung mit Kathrin Angerer als Julietta, die Marquise von O..., und Marc Hosemann (Graf F.). Foto: Drama

Berlin. Bei der verwunderlichen Auswahl von gleich drei Produktionen der Berliner Volksbühne für das Theatertreffen durfte gerätselt werden, ob dies ein wirkliches Kompliment oder eher eine Watsche für Frank Castorf war, denn eine Inszenierung des Intendanten ist nicht dabei. Die Kulturbehörde notierte das Votum als große Anerkennung und verlängerte umgehend den Intendantenvertrag.

Der verantwortliche Staatssekretär und ehemalige Verwaltungsdirektor der Volksbühne saß jetzt bei der Premiere einer Adaption der Erzählung „Die Marquise von O...“, sehr frei nach Heinrich von Kleist, in Reihe Eins. Was er zu sehen bekam, war ganz und gar nicht die Arbeit eines mit neuem Elan geladenen Regisseurs.

Castorf denkt natürlich nicht daran, Kleists Novelle geradlinig nachzuerzählen. Die Familie dieser „Dame von vortrefflichem Ruf“ sieht sich hier, gelinde gesagt, ganz schön kauzig an. Die verwitwete Marquise ist vom russischen Grafen und Obristlieutenant F. einerseits vor einer Vergewaltigung durch russische Soldaten bewahrt worden, andererseits hat er offenbar ihre anschließende Ohnmacht persönlich in diesem Sinne ausgenutzt. Nun fühlt sie alle Symptome einer Schwangerschaft. Die Familie verstößt sie.

Heute wäre die „Bild“-Zeitung für vergleichbare Fälle zuständig. Bei Kleist-Castorf sucht die Dame noch per Annonce den Vater des Kindes. Doch Castorf nimmt Chronologie und Spannungsaufbau der Novelle auseinander, pfropft ihr seine eigenen Einfälle und Albernheiten auf. Die Figuren fallen immer wieder in die Rolle des Erzählers. An textlichen Zutaten ist kein Mangel. So wird die Sache, wenn man nicht den Gesammelten Kleist im Kopf hat, unübersichtlich.

Angeblich sollte die Inszenierung etwas zu den „Schattenseiten von Nationalkultur“ und zum Geschlechterkampf vermitteln. Doch der Abend hat eine deutliche Schräglage zur Klamotte. Kathrin Angerer gibt, etwas enervierend, der Marquise ihr bekanntes Repertoire an naiven Kindmädchen-, Jammer- und Flenntönen. Hendrik Arnst poltert einen fetten aufmüpfigen Sohnemaxen hin. Sylvester Groth ist als Vater der Marquise darstellerisch und auch improvisierend die interessanteste Figur.

Eine kleine Menagerie ist angeheuert worden. Ein entzückendes Huhn pickt auf der Bühne. Ein Hundemischling sitzt auf Ilse Ritters Schoß. Vor allem reitet Marc Hosemann, wenn er als Teufels-Engel-Graf nicht in Unterhose beim Tee sitzt oder onaniert, auf einem braunen Wallach herein und hinaus. Alles in allem hält sich die Lustigkeit dieser dekonstruierten Novelle drei Stunden sehr in Grenzen. Vom Erkenntniswert zu schweigen.

Wieder am 16., 24. März, 6., 20., 26. April, Karten: Tel. 030/240 65 777, www.volksbuehne-berlin.de

Von Peter Hans Göpfert

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