Teuflisch gut: Hofmannsthal „Jedermann" in Göttinger Jacobikirche

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Gelungenes Theater in der Kirche: Marie-Kristien Heger (von links), Florian Eppinger, Jan Exner und Michael Meichßner.

Göttingen. Der Teufel trägt Marmorhaut mit blass rosa Verletzungen und schleicht sich an wie eine Katze in der Nacht.

Tastenden Schrittes bewegt er sich auf den Mann zu, der mit dem Rücken zu ihm steht, der innehält - man ahnt ja, wenn der Tod kommt. Und dieser springt federleicht auf seinen Rücken, greift nach vorn zu seinem Herzen, dass Jedermann in sich zusammensackt. Die Wände der Apsis werfen diese Figureninstallation zurück, überlebensgroß, schattenrissartig.

Zuweilen schenken Theaterabende Erlebnisse, Berührungen bis ins Herz. Hugo von Hofmannsthal seit 1911 viel gespielter „Jedermann“, den Intendant Mark Zurmühle jetzt als Produktion des Deutschen Theaters in der sanierten Göttinger Jacobikirche inszenierte, war eine solche Beglückung. Im Kirchenraum fügt sich die lose Bilderfolge des gereimten Mysterienspiels im Stil des Mittelalters unangestrengt ein. Zurmühle verweigert da trotz Börsencrash ganz klug Trends und Zeitgeist aller Art und stellt am genius loci, am Geist des Ortes, ganz puristisch die menschliche Urfrage: Wenn heute dein letzter Tag wäre, was würdest du tun?

Sein Jedermann hat das größte Haus, die schönste Frau, den dicksten Geldbeutel. Er ist ein All-inclusive-Kapitalist, der im Überfluss lebt und doch den Armen seine Hilfe verweigert. Auf der in Kreuzform vor dem Altar aufgebauten Bühne (Eleonore Bircher) und im Kirchenmittelgang werden seine Begegnungen effektvoll platziert.

Der rauschhafte Tanz mit seiner schönen Buhlschaft im samtroten Kleid (Kostüme: Ilka Krops), das Gelage mit seinen Freunden. Jedermann ist in solchen Momenten ein eigentlich ganz sympathischer Tausendsassa. Doch der Tod kommt auf leisen Sohlen. Wie Florian Eppinger die nahende Gefahr erspürt, wie seine Wandlung hin zur Angst einsetzt, ist wunderbar subtil in Szene gesetzt, eine Meisterleistung.

Das Spiel, das christliche Theologie und kritisch-weltliche Sicht auf Menschen und Gesellschaft verbindet, wird von einem großen Ensemble getragen, das bis in die kleinste Nebenrolle von Zurmühle sorgfältig geführt wird. Zu Chorgesang und Orgelklängen (Arne zur Nieden) gibt Lutz Gebhardt einen Chef, der kühl und zuweilen zynisch agiert.

Der Teufel von Michael Meichßner ist ein widerwärtiger Geselle mit großem Überzeugungsgestus. Und auch wenn das Volksstück nicht unbedingt für die Schauspielkunst der Zwischentöne gemacht ist, gelingen in der dämmerigen Jacobikirche (mit der schlechten Akustik) kostbare Figurenzeichnungen: Den Tod gibt Gerrit Neuhaus als zerbrechliche Figur. Anrührend in ihrer kindlichen Zugewandtheit zu dem armen, reichen Mann sind die zwei Fräuleins von Marie-Therese Fontheim und Paula Hans. Schmierig und machtbewusst überzeugt der aus einer Kiste steigende goldbestäubte Mammon von Wojo van Brouwer. Nur die jugendlich-zarte Buhlschaft von Marie-Kristien Heger bleibt sonderbar blass.

Zum Schluss steht Gott im weißen Designer-Anzug minutenlang vor dem Altar, da ist Jedermann im Büßergewand schon längst davongeschritten. Die Orgelklänge verhallen, der Applaus setzt ein, stürmisch und durch Fußtrampeln der Premierengäste verstärkt.

Hugo von Hofmannsthal „Jedermann“, Göttinger Jacobikirche (in Zusammenarbeit mit der Kirchengemeinde und dem Universitätschor), auch am 15., 17., 21. und 25. Juni, 20.30 Uhr. Karten unter 0551/496911. Kühler Kirchenraum, bitte warm anziehen.

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