Wein, Weib und wundersame Wesen: Eine Schau zum Symbolismus in Bielefeld

Das teuflische Laster lockt

Harmonie mit der Natur: Franz von Stucks „Frühlingsreigen“ (um 1910). Foto: Kunsthalle Bielefeld

Bielefeld. Der deutsche Symbolismus galt um 1900 als der Inbegriff modernen Kunstschaffens. Die realistische Malerei in für damalige Sehgewohnheiten ungewöhnlich bunter Farbgebung beschwört mythologische, märchenhafte Bildwelten, die die Aura des Geheimnisvollen und Unergründlichen umgibt. Die Kunsthalle Bielefeld präsentiert unter dem Titel „Schönheit und Geheimnis“ zurzeit 150 Bilder und einige Skulpturen des Symbolismus von 32 Künstlern.

Viele Gemälde beschwören das Ideal der Harmonie des Menschen mit der Natur. Eines der schönsten Beispiele ist der von vier Frauen ausgelassen getanzte „Frühlingsreigen“ (um 1910), den Franz von Stuck gemalt hat. Mit der fröhlichen Ausgelassenheit ist es auf Lovis Corinths Gemälde „Heimkehrende Bacchanten“ (1898) längst vorbei. Zwei Frauen haben einen besoffenen Dicken in die Mitte genommen. Mit der einen hält er Händchen, die andere packt er an die Brust. Obwohl alle nackt und angeheitert wie die Gefolgschaft des antiken Weingottes Bacchus sind, handelt es sich unverkennbar um Zeitgenossen Corinths, die maßlos über die Stränge geschlagen haben. Kuratorin Jutta Hülsewig-Johnen verallgemeinert: „Hier geht es um die eigene wilde, ungezügelte und deshalb gefährliche Triebnatur des Menschen selbst.“

Tod und Sinnenkitzel haben die Maler zu packenden Bildern angeregt. Arnold Böcklin hat sie im Gemälde „Sirenen“ (1875) zur Groteske mit komischem Einschlag vereint. Die Sirenen, Frauen mit dem Unterleib von Vögeln, sind in der antiken Sagenwelt als Wesen verrufen, die mit ihrem betörenden Gesang Seefahrer anlocken, um sie zu töten. Auf Böcklins Gemälde hält ein Segelschiff aufs Ufer zu. Die Besatzung scheint unwiderstehlich von den Klängen angezogen zu werden. Wir aber erblicken, was den Seeleuten verborgen bleibt: den abstoßenden tierischen Unterleib. Geradezu bieder bürgerlichem Schönheitssinn scheint geschuldet, dass die Ungeheuer die Schädel dreier menschlicher Opfer sorgfältig zu einem Stillleben arrangiert haben. Warnt Böcklin hier etwa vor Schiffbruch im Hafen der Ehe?

Kuratorin Hülsewig-Johnen: „Das teuflische, lasterhafte Weib ist ein zentrales Motiv des Symbolismus.“ Franz von Stuck hat ihm „Die Sünde“ (1899) mit schwülstig düsterer Lüsternheit gewidmet. Als schamlos-fröhliche erotische Groteske hat Leo Putz „Das kitzlige Schnecklein“ (1904) in heiteren Farben ausgemalt. Die bis auf die Kopffühler wie eine knackige junge Frau aussehende Schnecke aalt sich im seichten Uferwasser. Sie lässt sich von einem Ungeheuer die Zehen kitzeln - und sieht uns verzückt an. Das Gemälde ist ein Höhepunkt der Schau - und der bislang wenig bekannte Künstler eine Entdeckung.

Bis 7. Juli, Artur-Ladebeck- Str. 5. www.kunsthalle-bielefeld.de. Katalog (Kerber Verlag) 24,95, im Buchhandel 39,95 Euro

Von Veit-Mario Thiede

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