Heute wird die Dramatikerin und Romanautorin Elfriede Jelinek 65

Texte, scharf wie ein Skalpell

Lebt zurückgezogen: Elfriede Jelinek. Foto: dapd

Dieses hilflose Gefühl, das die Menschen etwa nach der Atomkatastrophe von Fukushima haben, ist eigentlich nichts anderes als das Empfinden der Menschen in der Antike, die sich schicksalhaft von mächtigen Göttern bestimmt sahen. So beschreibt es die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die heute 65 wird, in ihrem jüngsten Theatertext.

Im September wurde „Kein Licht“ in Köln uraufgeführt, das von den Folgen der Ereignisse in Japan handelt. Der kühle Blick der Österreicherin schneidet scharf wie ein Skalpell in unsere Psycho-Nischen aus Verdrängung und Vertuschung. In „Kein Licht“ folgt aus den modernen Katastrophen: Die Menschen verwandeln sich in eine Art Automaten, sind zu Empathie nicht mehr fähig.

Elfriede Jelinek, die zurückgezogen lebt und sich aus ihrem Ruhm nichts macht, beschäftigt sich in ihrem preisgekrönten Werk mit dem Finanzkapitalismus, dem Archivsturz von Köln, der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, der RAF, Natascha Kampusch. Tabus kennt sie nicht.

Ihr Schaffensstil ist einzigartig: Ihre Theatertexte sind angelegt auf Überforderung - der Darsteller wie des Publikums. Jelinek fabriziert ausufernde Textflächen, collagiert Fundtexte hinein und will so Sprachklischees entlarven - und damit die Haltung der Sprecher. Die Uraufführung des Finanzkrise-Stücks „Die Kontrakte des Kaufmanns“ 2009 in Köln dauerte vier Stunden, der Regisseur forderte die Zuschauer auf, sich zwischendurch Getränke zu holen.

Jelinek wurde 1946 in Mürzzuschlag in der Steiermark geboren und wuchs in Wien auf. Ihr aufsehenerregendes Romandebüt „Wir sind Lockvögel, Baby“ verband 1970 Heimatroman mit Porno und Horror.

Die Feministin erhielt den Georg-Büchner-Preis und wurde viermal Dramatikerin des Jahres. In der Öffentlichkeit will die verheiratete Literaturnobelpreisträgerin von 2004 nicht stehen. Sie sagt, dass sie an Angstzuständen leidet.

Von Bettina Fraschke

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