Wie die verhasste Eiserne Lady zur Triebfeder der britischen Popkultur wurde

Thatcher als Inspiration

Sangen gegen Thatcher und deren Politik: Der ehemalige Smiths-Frontmann Morrissey (links) und Liedermacher Billy Bragg. Fotos: nh

Es hat 25 Jahre gedauert, bis der Wunsch von Morrissey Wirklichkeit wurde. 1988 veröffentlichte der Sänger der legendären britischen Pop-Band The Smiths auf seinem ersten Soloalbum „Viva Hate“ den Song „Margaret On The Guillotine“. Die bittersüße Ballade handelt vom Tod der damals noch amtierenden britischen Premierministerin Margaret Thatcher.

Alle liebenswürdigen Menschen hätten diesen wunderbaren Traum von der hingerichteten Konservativen, heißt es. „Wann wirst du sterben? Bitte stirb“, fleht Morrissey. Sicher haben sie diesen Song auch gespielt, als am Montag 200 Menschen im Londoner Stadtteil Brixton den Tod der 87-Jährigen feierten. „Freut euch – Thatcher ist tot“, lautete das Motto.

„Thatcher war ein Schrecken ohne ein Atom Menschlichkeit.“

Morrissey

Darf man das Ableben eines kranken alten Menschen zelebrieren und dazu auf der Straße tanzen? Beim Tod von Helmut Kohl wäre so etwas hierzulande undenkbar. Es zeigt, wie sehr Thatcher die britische Gesellschaft spaltete und vor allem die Popkultur gegen sich aufbrachte. Die Ablehnung ihrer Politik war für das Mutterland des Pop eine entscheidende Triebfeder.

Der Liedermacher Billy Bragg gestand einmal: „Wenn ich in Interviews nach meiner größten Inspiration gefragt werde, antworte ich immer Margaret Thatcher.“ Mit Sängern wie Paul Weller und Jimmy Somerville initiierte er 1985 das Projekt „Red Wedge“, das für die Labour Party Wahlkampf machte und zur Abwahl Thatchers führen sollte – vergeblich.

Die Anti-Thatcher-Lieder der vergangenen Jahrzehnte würden ganze Alben füllen. Nicht nur Punkbands wie The Exploited („Maggie You Cunt“, „Maggie du Schlampe“) verabscheuten die Tory-Politikerin. Die Indierockband Hefner ließ in „That Day That Thatcher Dies“ einen Kinderchor zu fröhlichen Bläsern den Refrain singen: „Ding Dong, the wicked witch is dead“ (Die böse Hexe ist tot). Und die Band Chumbawamba nahm

sogar ein ganzes Mini-Album mit Abschiedsliedern für Thatcher auf. Über Facebook rief die Gruppe am Montag zur Party auf und sprach allen Opfern von Thatcher ihre „tiefste Sympathie“ aus.

Selbst nach Thatchers Rücktritt 1990 blieb die Politikerin für viele verhasst. Die Britpop-Band Oasis verstand sich als Sprachrohr der von Thatcher verratenen Arbeiterklasse. Und als sich der konservative Premier David Cameron als Fan der Smiths outete, grollte Sänger Morrissey, dass seine Musik nicht von einem Tory gehört werden sollte.

Selbst ein Spätgeborener wie der 31-jährige Frank Turner, der bei der Londoner Olympia-Eröffnung spielte, will mit der Eisernen Lady nichts zu tun haben. Einer seiner Hits heißt: „Thatcher Fucked The Kids“.

Von Matthias Lohr

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.