Grimm 2013: Theater Anu zeigt mythische Szenen

Theater Anu: Der Rabe als Reiseführer im nächtlichen Wald

Kassel. „Hast Du mich vergessen?“ Leise flüstert die Stimme hinter dem Baumstamm. Sie kommt aus tiefer Nacht. Der beschwörende, unablässig wiederholte Ton scheint einen direkt ans Herz zu packen. „Hast du mich vergessen?“ Das Theater Anu spricht seine Zuschauer auf eine so elementare Weise an, als wendete es sich direkt ans Unterbewusste.

„Bin bei Sonne und Mond und den vier Winden gewesen und habe nach dir gefragt und habe dir geholfen gegen den Lindwurm, willst du mich denn ganz vergessen?“

Beim Festival Grimm 2013 präsentiert das Berliner Ensemble ein Theaterprojekt im nächtlichen Wald. In Kassel an der Hessenschanze, in den nächsten Wochen an vier weiteren Orten in der Region. Jeder mit einer Laterne ausgestattet, wagen sich die Besucher zwischen den Baumstämmen Schritt für Schritt weiter ins Dickicht - und zugleich immer tiefer in eine vergangene Zeit der Mythen und Märchen.

„Rah! Rah!“ Ein Rabe auf einem Baumstumpf empfängt den nächtlichen Besuchertrupp. Schwarze Funkelaugen, keckes Kopfneigen. „Rah!“ Bald lässt er eine Menschenhand unter dem Umhang vorlugen und wirft das Vogelgewand ab. Wann sind wir Tier, wann Mensch? Die Unke, die kurze Zeit später ein Märchen erzählt, hüpft ebenfalls wie ein Zwischenwesen durchs Gehölz. Kleine Szenen, Licht- und Schattenspiele, Texte, Bewegung, die Scherenschnitte von Albert Völkl.

Reduziert gespielt und textlich genau ausgelotet zwischen direkter Zuschauerzuwendung, archaischer Mythensprache und Grimmschem Märchenton, präsentieren die sechs Darsteller Jacek Klinke, Markus Moiser, Karen Rémy, Tim Engemann, Bärbel Aschenberg und Johanna Malchow ihr Mythenpanorama.

Mit wenigen Requisiten (Szenografie: Martin Thomas) wird die Waldumgebung noch magischer aufgeladen. Umzugskartongroße Häuschen mit beleuchteten Fenstern suggerieren Heimeligkeit, Wasserreflexe aus einem Brunnen werden auf eine Stoffbahn geworfen, der Schatten eines Riesen beugt sich herab, rätselhafte Bilder aus Licht locken die Zuschauergruppe zwischen Buschwindröschen vom Pfad weg weit in die Nacht.

Die Regisseure Bille und Stefan Behr bewegen sich Meilen entfernt von Kitsch, Gothic-Fantasy und Geisterbahngrusel. Es gelingt ihnen etwas Großes. Eigenständiges. Bezauberndes. Sie holen die alten Mythen wieder heran, wie den vom schlafenden Riesen, auf dem wir auf der Welt wandeln.

Die Fabelwesen und Lichtinseln wirken wie Verstärker, die den Wald noch intensiver sehen, hören, riechen, spüren lassen. Irgendwann fragt man sich dann, gegen welchen Lindwurm man in seinem eigenen Leben selbst zuletzt gekämpft hat.

Und nach dem magischen Schlussbild beim Weg über die Lichtung zurück zur Straßenbahn hält die Gänsehaut noch Minuten an.

Bildergalerie: Fotos aus dem Schattenwald

Generalprobe des Theaterprojekts Schattenwald

Service

Die Termine: noch heute: Kassel, Hessenschanze, erste Vorstellung um 21.30 Uhr

2. bis 4. Mai: Edertal-Hemfurth, Baumkronenweg, Beginn 21.30 Uhr

8. bis 9. Mai: Eschwege, Leuchtberge, Beginn 21.45 Uhr

17. bis 19. Mai: Rotenburg, Rodenberg, Beginn 22 Uhr

6. und 7. September: Kaufunger Forst / Niester Riesen, Beginn: 20.45 Uhr

Spieldauer: Der nächtliche Spaziergang dauert 75 Minuten

Start ist alle 15 Minuten in Gruppen mit je 50 Personen. Man kauft Eintrittskarten für eine von mehreren zeitversetzten Vorstellungen am Abend

Eintritt: 17/ 13 Euro, Vorverkauf: 0561-988393-99, 0561-203204.

Zu beachten: Festes Schuhwerk empfohlen, keine Barrierefreiheit. Geeignet für Kinder ab zehn. Es gibt ein Catering am Start.

Von Bettina Fraschke

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