Was für ein Theater:

Das Schweizer Jazz-Sextett „Hildegard lernt fliegen“ im Kasseler Kulturzelt

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Er hat den Schalk im Nacken: Sänger Andreas Schaerer (von links) mit seinen Bandkollegen Matthias Wenger (Querflöte, Saxofon), Andreas Tschopp (Posaune) und Benedikt Reising (Saxofon).

Kassel. Pausenlos kann man die Alben der Schweizer Band "Hildegard lernt fliegen" nicht hören. Dazu ist ihr wilder Mix aus Jazz und Dada-Theater zu anstrengend. Aber ein Konzert des Sextetts ist ein Erlebnis - wie nun im Kasseler Kulturzelt.

Wenn Schweizer Musik machen, dann liegen Klischees nah. Man löse sich ganz schnell davon, bevor man ein Konzert des Sextetts „Hildegard lernt fliegen“ besucht. Besser noch, man löse sich zuvor von allen musikalischen Klischees und Traditionen.

Dann nämlich ist man offen für die faszinierenden Arrangements der 2004 gegründeten Formation von Andreas Schaerer, Matthias Wenger, Benedikt Reising, Andreas Tschopp, Marco Müller und Christoph Steiner - allesamt studierte Jazzmusiker.

450 Besucher waren am Samstag im Kulturzelt. „Wie nennt ihr eure Musik?“, frage ich nach dem Konzert Schlagzeuger Christoph Steiner. Die Antwort klingt so exzentrisch wie die Musik und dass er dabei lacht und ich unsicher bin, ob er es ernst meint, passt zu dem Humor dieser Band: „Posthektik-Prebebop“. Das passt zum Titel der aktuellen CD „The Fundamental Rhythm Of Unpolished Brains“.

Die Musik ist nicht einzuordnen, springt aus jeder Schublade, nimmt dabei aber auch aus vielen etwas mit. Aus dem Jazzrock, der Oper, dem Zirkus-Blues, ebenfalls aus einer gewissen Vorliebe für eine theatral komische Performance. Für die ist Sänger Schaerer zuständig, der musikalische Kopf, der alle Stücke schreibt.

Kreativ, fantasievoll, exzentrisch kommen sie rüber. Immer wieder gibt es Brüche, unerwartete Stopps, unerwartete Wendungen in der Dramaturgie der Arrangements und ihrer Inszenierung. Wilder, unorthodoxer, theatraler Jazz ist das. In ihrer tonalen Expressivität hat die Musik etwas von einem bizarren Hörspiel - sie ist spannend, mitreißend und erzählend.

Posaunen, Trompeten und Saxofonklänge dominieren, wenngleich manche davon auch aus der Kehle von Schaerer kommen. Ein starker Sänger. Pop, Swing, Klassik - Schaerer hat das alles drauf und den Schalk im Nacken: Silbensalat, Schlagzeug, Posaune, Streitgespräche in Fantasiesprache - und das alles in einem Atemzug. Herrlich!

Fazit: Es ist sicher keine Musik, die man pausenlos im CD-Spieler laufen lässt, wohl aber eine, die in Konzerten zu erleben ungemein spannend ist. Viel Applaus, eine Zugabe.

Das nächste Konzert im Kulturzelt ist am Mittwoch um 19.30 Uhr: Chet Faker.

Von Steve Kuberczyk-Stein

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