Theater: T-Shirt-Kauf gegen Todesangst

Umgeben von Kleiderbergen: Gaby Dey (von links), Christina Jung und Judith Strößenreuter in „Das Licht im Kasten“. Foto: Thomas Müller

Das DT in Göttingen zeigt Elfriede Jelineks Stück „Das Licht im Kasten" über die Verheißungen der Mode

„Besser heute Mode kaufen als erst morgen, wenn sie nicht mehr gilt, wenn sie veraltet ist, wenn sie nichts mehr zählt. Sie ist immer Heute, sie ist das Heute, das morgen weg sein wird, wie wir.“

„Das Licht im Kasten“

Von Bettina Fraschke

Göttingen. Plötzlich ist es da: dieses zwingende Bedürfnis, einen neuen Rock zu kaufen. Verspricht er doch ein neues Ich, ein verbessertes, verjüngtes, dem Tod von der Schippe gesprungenes. Mode verführt, wirft in unseren Köpfen eine fast religiöse Verheißungsmaschinerie an: Vielleicht bringt ein neues Teil endlich das Glück, sieht man darin Supermodel Gisele Bündchen ein wenig ähnlicher, wird man etwas mehr zu der, die man sein möchte.

Das Deutsche Theater in Göttingen zeigt Elfriede Jelineks Stück „Das Licht im Kasten“, das im Januar 2017 uraufgeführt worden ist. Darin spießt die österreichische Nobelpreisträgerin die Versprechen der Mode auf. Scharfzüngig, witzig und intelligent verbindet sie Themen wie Selbstbetrug in der Umkleidekabine, die Entwicklung der Mode zu einem Wegwerfprodukt („Fast Fashion“) und die katastrophalen Bedingungen ihrer Billigst-Herstellung mit Heidegger, Hamlet und der griechischen Mythologie. Die ausverkaufte Premiere am Samstag wurde lang beklatscht.

Ausstatterin Beate Faßnacht hat für die drei Darstellerinnen einen beleuchteten Kasten auf die Vorbühne gebaut, der Werbefläche oder Umkleidekabine sein könnte. Durch eine Glasscheibe sprechen Gaby Dey, Christina Jung und Judith Strößenreuter. Zu ihren Füßen Kleiderberge, sie selbst in hautfarbenen, nur knapp Po-bedeckenden Unterkleidern. Manchmal pressen sie ihre Gesichter ans Glas, manchmal steigen sie aus dem Kasten heraus, kommen noch näher ans Publikum heran, adressieren es ganz direkt, ihr könnt doch jetzt mit dem Smartphone bestellen: „Los, in den Warenkorb!“

Im bewundernswert variantenreichen Sprachduktus vom gesichtsoperierten Luxusweib über einen düsteren Todesboten wie aus dem antiken Drama bis zum nöligen Tussensprech à la Chantal aus den „Fack ju Göhte“-Filmen, geleiten die drei tollen Schauspielerinnen durch abwechslungsreiche 85 Aufführungsminuten. Ausgeformte Charaktere oder eine Handlung gibt es nicht.

Regisseur Elias Perrig lässt dem eng geknüpften, anspielungsreichen Text seine Kraft. Er vermeidet so, dass die Assoziationsketten in einer Art Sprech-Leistungsschau am Zuschauer vorbeirauschen, lässt vielmehr allen Sätzen den nötigen Raum.

Jelinek schlägt Themenbögen vom T-Shirt-Kauf bei der Billigkette Primark zur tiefen Verunsicherung des modernen Menschen, dem seine Körperwahrnehmung durch krasseste Schlankheits- und Sexyness-Vorgaben abhanden gekommen ist. Nur noch durch immer neue Kleidung meint er, zu sich selbst zu finden. Perrig arbeitet diese irrwitzige Fallhöhe vom Banalen zum Existenziellen subtil heraus. Indem beide Extreme, das Philosophische wie das Alltägliche, vollkommen ernst genommen werden, legt sich über den Abend eine leise, unzerstörbare Melancholie.

Christina Jung, Judith Strößenreuter und Gaby Dey ziehen sich immer mal Fummel aus den Klamottenbergen über, zeigen sich aber auch verletzlich und fast nackt, und sie wagen sich in die Monstrosität des Aufgetakelten mit künstlichen Mega-Brustwarzen und Porno-Make-up. Ein großartiger Theaterabend.

Wieder am 27.12., 8., 19.1., Kartentelefon: 0551-4969300. www.dt-goettingen.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.