Junges Theater Göttingen

Theaterabend zu 1968 zwischen Barrikaden und Matratzen in Göttingen

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Junge 68er: Peter Christoph Grünberg (von links), Karsten Zinser, Katharina Brehl und Franziska Lather spielen im Jungen Theater in „GÖ 68ff.“ eine wütende Generation.

Göttingen. Die großartig unterhaltsame Uraufführung von „GÖ 68ff.“ im JT wurde zur Premiere am Wochenende gefeiert

Leise hallen die Rufe aus dem Off: „Ho, Ho, Ho Tschi Minh“. Sie schwellen an, werden bedrohlich. Das ist eine dieser Parolen der 68er-, die hängengeblieben sind im Gedächtnis – auch bei deutlich Jüngeren.

Das am Freitagabend uraufgeführte – und begeistert gefeierte – Stück „GÖ 68ff.“ im Jungen Theater basiert auf dem wackeligen Fundament des kreativen Prozesses Erinnerung. Die Erinnerung, die geprägt ist von Bildern im Kopf, der Verdrängung des Unangenehmen, der Verklärung, dem Verlust der Objektivität.

Peter Schanz (auch Bühne und Kostüme), der 2017 schon das gelungene Lichtenberg-Stück inszenierte, hat sich an das Mammutthema mit lokalem Bezug gewagt. Er hat mit GÖ-Zeitzeugen wie der Ex-RCDS-Größe Harald Noack, dem Sozialisten Detlef Fraenkel und Klaus Wettig (SPD) gesprochen. Denn es geht um die 68er in Göttingen, wo Aktivisten gerne Zwischenstopps zwischen den Kampf-Hochburgen Frankfurt und Berlin einlegten. Göttingen war kein Hotspot – aber dort war was los zur Mescalero-Affäre 1977, nach dem RAF-Mord an Buback und bis in die tiefen 80er.

Schanz schildert das in Episoden, deren Verbindung gelingt, auch dank eines ausnahmslos starken Ensembles, das wandelfähig die Themen der Zeit wie Vietnamkrieg, Unis als Lehranstalten, Eltern, die nichts gegen Alt-Nazis und Muff tun, sexuelle Befreiung und jointbedingtes, weltentrücktes Wohngemeinschaftsgelaber präsentiert – oder in die Rolle der fassungslosen Eltern schlüpft.

„Unter den Talaren: Muff von 1000 Jahren!“ Die ernsten, gebrüllten Parolen von einst amüsieren heute. Der Zuschauer ist hin- und hergerissen zwischen Klamauk und Persiflage, Parodien (großartig: Karsten Zinser nackt als Jango Edwards), bedrückend gelesenen Stücken, Liedern und immer wieder den Parolen (Regie Christian Vilmar).

Junge Menschen ziehen durch die Straßen, laut, manche gewaltbereit. Es geht vielen von ihnen um ein besseres Göttingen, eine bessere BRD und eine bessere Welt. „Keine Mark und keinen Mann für Vietnam. Macht kaputt was uns kaputtmacht.“ Mit Inbrunst brüllen die jungen, in der Komfortzone aufgewachsenen Ensemblemitglieder Franziska Lather, Peter Christoph Grünberg, Karsten Zinser und Katharina Brehl all das heraus – im schlichten Bühnenbild zwischen Transparenten, Barrikaden und Matratzen, während Jan Reinartz und Agnes Giese ab und zu in die Erzählerrolle der besserwissenden Älteren schlüpfen.

Dabei wird überzeichnet und verfälscht. Denn es geht nicht um Objektivität, um eine Historien-Doku. So werden Geschichtsbeflissene die Korrektheit vermissen, die Zitierten, wie der in Reihe 2 sitzende, hoch amüsierte Jürgen Trittin, manches Zitat nicht ganz unterschreiben.

Am Ende aber steht das keinesfalls heroisierte Bild einer lauten, kämpferischen Zeit. Einer Zeit, die nachwirkt und nachwirken muss – der Kampf gegen Ungerechtigkeit, Grausamkeit, Krieg und Nazis geht weiter. Und es steht die Botschaft: Lasst euch auch heute nicht alles gefallen, auch wenn 68 kein großes Schulthema ist. 1968 aber hallt nach: „Ho, Ho, Ho, Tschi Minh!“

Göttinger Lokalkolorit

„GÖ 68ff.“ ist mehr als der angekündigte „Heimatabend zum 50. Geburtstag von 1968“ – auch wenn der Besucher viel Lokalkolorit über Uni, Kneipen, den ersten „Griechen“, den roten Buchladen, die Nazi-Profiteure und Thomas (Oppermann), Jürgen (Trittin) und Dieter (Bohlen) geliefert bekommt. Ach ja: Rudi (Dutschke) war auch mal da.

Weitere Termine: 5., 18., 29. Mai und 30. Juni. Tel. 0551/495015

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