Nino Haratischwili hat zwei Wochen auf dem Rathausplatz in Bovenden gearbeitet - Premiere am Donnerstag

Theaterautorin im Schaufenster

Arbeit mit Blick auf den Rathausplatz: Nino Haratischwili in ihrem Schreibcontainer. Foto:  nh

Bovenden/Göttingen. Es hat gedauert, bis Nino Haratischwili dem Idyll trauen konnte. Irgendwann hat sie sich gesagt, wenn die Menschen so gern im Schlafort Bovenden wohnen, wenn niemand sich beklagt, es keine offenkundigen sozialen Probleme gibt, dann gibt es hier wohl subjektiv ein Idyll.

Die Theaterautorin hat zwei Wochen lang in Bovenden gearbeitet - als Teil des Projekts „Stadt in Zukunft“ des Deutschen Theaters in Göttingen. Darin erkunden Dramatiker ein Jahr lang verschiedene Orte, setzen sich mit genau dieser Frage auseinander: Was ist Stadt, wie entsteht unser persönliches Bild davon?

Nino Haratischwili ging nun auf Erkundungstour in der Gemeinde nördlich von Göttingen, einem Fachwerkdorf, das mit 70er-Jahre-Funktionsbauten typisches Vorort-Flair bekommen hat. Ab Mittwoch wird das Stück aufgeführt, das sie in dieser Zeit geschrieben hat.

Die Platzbäume sind ordentlich gestutzt, am Eisdielenschalter stehen die Kinder schon Schlange, das Café wirbt auf einer Kreidetafel mit „Schlachteplatte, 4,50 Euro“. Bovenden. Urban ist was anderes, aber einen Rathausplatz gibt es immerhin. Dort steht der Schreibcontainer des DT - knallrot angestrichen, mit beleuchtetem Schaufenster. Darin: Nino Haratischwili mit Ringelsocken, Wollmütze und schwarzem Kajal um die Augen. Zwei Wochen lang mitten im Ort leben, öffentlich arbeiten. „Am Anfang war das sehr irritierend“, erzählt die 26-Jährige. Die meisten Menschen beobachteten sie unverhohlen durch die Scheibe, trauten sich aber doch nicht, sie im Container zu besuchen.

Karg hätten sie es dort gefunden. Bescheidener Narzissentopf, schmale Bänke als Sitzgelegenheiten. Außer Laptop, Zigaretten, Handcreme und zwei Tafeln Milka gibt es keine persönlichen Gegenstände. „Ich brauche keinen Privataltar“, sagt Haratischwili. Besucher bekommen einen Plastikbecher Wasser. „Ich sammele Geschichten“, steht lockend an der Tür. Aber die Hemmschwelle ist hoch. In den ersten Tagen ist Nino Haratischwili noch draußen herumgestromert - aber den Idylleverdacht konnte sie nicht entkräften. Was ihr am stärksten aufgefallen ist: Es gibt viele Ältere. Die aber einfach anzusprechen, ist ihre Sache genauso wenig wie umgekehrt. Die Nächte verbringt sie in einer Göttinger WG.

Ihre Theaterszenen stehen unter dem Titel „Glückliche Hühner“ und sollen genau die Frage nach dem schönen Schein behandeln. Darin geht es um eine Großstädterin, die ein Projekt über einen ländlichen Friedhof plant, und kapieren muss, dass sie die erwarteten Probleme nicht findet.

Von Bettina Fraschke

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