Tanzdirektor Johannes Wieland erzählt den Mythos bewegend neu

"Orpheus": Vision für menschlichere Welt

Kassel. Am Ende gab es Standing Ovations im doppelten Sinn. Nach der Premiere von „Orpheus“ standen Tanzdirektor Johannes Wieland und Generalmusikdirektor Patrik Ringborg mit Tänzern, Musikern und Statisten auf der Bühne, nahmen den ausgelassenen Jubel entgegen und zeigten nach hinten.

In der Intendantenloge des Kasseler Staatstheaters saß Komponist Hans Werner Henze, der die Geschichte um den antiken Helden 1978 neu erzählt hatte. Der 86-Jährige, der die meiste Zeit im Rollstuhl sitzt, war aus Italien angereist. Nun stand er unter dem Jubel kurz auf. Es war ein Moment voller Größe und daher passend für „den Archetypus der Liebesgeschichte“, den Tanzchef Wieland in „Orpheus“ erkennt: die Geschichte des griechischen Helden, der mit der Musik seine Liebe Eurydike aus dem Totenreich zurückholt.

In einer der aufwendigsten Produktionen seiner Amtszeit findet Wieland große Bilder. Stephanie Burger hat im ersten Akt riesige Teile einer Apollo-Statue aufgestellt, die sich perfekt für Versteckspiele und Sprünge eignen. Während der 110-minütigen Choreografie zeigt das 15-köpfige Ensemble die gesamte Bewegungssprache. Von turbulenten Massenszenen, in denen der Tanz oft ein Kampf ist, bis zu einfühlsamen Duetten.

Wencke Kriemer de Matos ist eine wandlungsfähige Eurydike. Getötet wird sie nach Plünderungen. Als sie später von Orpheus aus dem Hades geholt wird, jedoch noch auf dem Weg nach oben wieder umkehren muss, weil der Retter sie verbotenerweise angeschaut hat, ist ihr erneuter Tod ein einziges Zucken.

Und Rémi Benard ist ein furioser Titelheld. Meist springt er wie ein Tausendsassa durch die Menge der Landleute, der Wahnsinnigen, der Armen und Reichen, die im zweiten Akt im Totenfluss Styx baden gehen. Oft passiert auf der Bühne so viel, dass man gar nicht weiß, wohin man schauen soll, aber dann gibt es auch Zeit zum Luftholen - wie bei Benards wütendem Solo vor einer einsamen Wand.

Licht in die dunklen Szenen bringt Apollo, von dem Orpheus seine Leier hat. Evangelos Poulinas spielt ihn mit einem ironischen Augenzwinkern: Er strahlt und tanzt in seinem roten Glitzer-Sakko (Kostüme: Evelyn Schönwald) wie Fred Astaire über die Bühne.

Hans Werner Henze

Anders als im Original gibt es bei Henze und Edward Bond (Libretto)ein besseres Ende. Eurydike und die Toten finden doch aus der Unterwelt: die Vision einer menschlicheren Welt. „Orpheus“ ist damit im doppelten Sinn politisch. Denn der gelungene Spielzeitauftakt ist auch ein Bekenntnis für den zeitgenössischen Tanz und das Staatstheater als Drei-Sparten-Haus.

Außerdem tanzten: Laura Ramos Santana, Maasa Sakano, Léa Tirabasso, Brea Cali, Laja Field, Breanna O’Mara, Amandine Petit, René Alejandro Huari Mateus, Ryan Mason, Viktor I. Usov, Jaroslav Ondrus und Jorys Charles Michel Zegarac.

Die Musik

Die Schöpfung einer neuen Welt aus Musik beginnt mit drei gezupften Tönen: Orpheus hat in Verzweiflung seine Leier zerstört, doch aus den Überresten entsteht etwas Unerwartetes, Hoffnungsvolles. Vielleicht der berührendste Moment in Hans Werner Henzes komplexer „Orpheus“-Musik.

Die 1978 entstandene Komposition wirkt heute aktueller denn je in ihrer Verbindung von Erfindungsreichtum und musikhistorisch gesättigter handwerklicher Souveränität. Die Musik, vor allem der Rhythmus und die Dissonanz, treibt die Handlung an, der Klang wird konkret, indem er Personen bezeichnet: Orpheus mit Gitarre, Harfe und ruhigen Tonfolgen, Apollo mit Blech- und Hörnerschall und harten Dissonanzen, Eurydike mit sanften Cembalo-Klängen. Eindrucksvoll auch das mächtige Orgelsolo beim Auftritt des Unterwelt-Herrscherpaares (hier mit Kind).

Und doch ist die Musik nicht einfach illustrativ. Patrik Ringborg gelingt es, mit dem Staatsorchester ein farbenreiches Spiel zu organisieren und einen starken musikalischen Fluss zu erzeugen, in dem selbst extreme Momente wie lärmende Orchestertutti und subtile Gitarrentupfer nicht Episoden bleiben, sondern sich auf suggestive Weise zu einem Ganzen verbinden. Ein Triumph, nicht zuletzt auch für den anwesenden 86-jährigen Komponisten.

Solisten: Eckhard Manz (Orgel), Thorsten Drücker (Gitarre), Rainer Klaas (Klavier), Caroline Klute (Harfe), Walewein Witten (Cembalo).

Termine

Wieder am 21. und 30. September. Karten: 0561/1094-222.

Von Matthias Lohr und Werner Fritsch 

Rubriklistenbild: © Foto: Klinger

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.