Das Publikum hat es aber nicht immer leicht

Theaterpremiere: Tankred Dorsts Wimmelbild der Ritter-Popkultur als Spektakel

Zwischen Regalen: Jürgen Wink als König Artus (von links), Hagen Bähr als Chronist und Caroline Dietrich als Merlin. Foto: Klinger

Marco Storman inszeniert am Kasseler Schauspielhaus Tankred Dorsts „Merlin oder Das wüste Land"

Kassel. König Artus trägt ein rotes T-Shirt mit dem Aufdruck eines feuerspeienden Comicdrachens. Seine Krone sieht aus wie für einen Kindergeburtstag gebastelt. Sie trägt einen Aufkleber: 139. Eine Inventarnummer. Marco Storman lässt Tankred Dorsts Drama „Merlin oder Das wüste Land“ am Kasseler Schauspielhaus in einer Regal- und Gerüstelandschaft spielen, die ein Archiv oder Depot sein könnte. Ein Requisitenlager voller Rüstungen, Schauobjekten wie aus dem Biologieunterricht, Waffen, Kitsch-Madonnen, Tand.

Auf mit Teppichklebeband grob geflickten Monoblockstühlen sitzt man und starrt auf die zahlreichen Leinwände und Bildschirme. „Chronisten“ (Hagen Bähr, Christian Ehrich, Michaela Klamminger, Katharina Henker) begleiten das Geschehen in Buchhaltermanier mit Klemmbrettern. Einmal versucht Artus (Jürgen Wink zwischen Nachdenklichkeit und Grandezza), den berühmten runden Tisch wieder zusammenzubauen, doch das Gestell ist zu instabil, die riesige Plastikplatte bereits mehrfach zerbrochen.

Das Setting von Demian Wohler unterfüttert Tankred Dorsts 1981 uraufgeführte Bearbeitung der Artus-Sage mit ihrem popkulturellen Kosmos. Das Premierenpublikum spendete am Samstag dafür freundlichen, aber nicht euphorischen Applaus. Immerzu dröhnen historische oder animierte Ritterfilme mit viel Schlachtengemetzel über die Monitore. Die Darsteller sprechen häufig in Mikros, kauern hoch oben zwischen Regalböden, steigen steile Gerüste hinab, filmen sich selbst in YouTube-Optik.

Alles hübsch anspielungsreich, oft auch albern. Musik- und Geräuschemacher Moritz Löwe donnert dazu von seinem Pult am Bühnenrand Zaubereien, Liebe und Mord akustisch auf. Werden aber ausnahmsweise mal nachdenkliche Töne angeschlagen, ist die Textverständlichkeit nicht immer optimal. So hat all das zur Folge, dass in dem eigentlich großartig designten, spektakeligen Ambiente die Inhalte und mögliche Ideen des Regieteams weitgehend auf der Strecke bleiben.

Die Handlungen der Sage sind zwar erkennbar, Parzival mit dem naiven Blick (Marius Bistritzky), der mit der Figur des Mordred, Artus’ unehelichem Sohn, zusammengefasst ist, Sir Lancelot (Lukas Umlauft) und seine Gralssuche, Königin Ginevra (Eva-Maria Keller) mit der Kunstblumenunterhose (Kostüme: Bettina Werner), die Artus mit Lancelot betrügt und sich in einen Liebesrausch hineinsteigert, bevor sie abserviert wird. Und auch Artus in seiner Schwäche, der immer wieder Zauberer Merlin um Rat fragt, was er denn nun denken soll.

Caroline Dietrich ist als kapriziöser blauhaariger Magier mal alberner Spässekenmacher, mal Strippenzieher für den schwachen King. Die Handlungsstränge sind allerdings kaum miteinander verknüpft oder gar in eine Logik gebracht.

Wer also mehr will als einen wimmelbildartigen Regietheater-Abend, in dem sogar das Publikum bei der Schwertprobe mit dem berühmten Excalibur mitwirken soll, hat es hier nicht immer leicht.

Einmal wird eine abstrahierte Europafahne geschwenkt, aus der alle Sterne der Mitgliedsländer herausgeschnitten sind. Ist die einst politisch bahnbrechende Errungenschaft des runden Tisches, des Verhandelns auf Augenhöhe, auf Dauer tragfähig? Wollen die Menschen überhaupt eine Demokratie? Dergleichen wichtige, aktuell brennende Fragen werden bestenfalls assoziativ angerissen.

Wieder am 19., 20., 23.1., Karten: 0561/1094-222

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