Theaterpublikum als Richter: „Terror“ in Kassel

Konzentriert: Christoph Förster (Verteidiger, von links), Bernd Hölscher (Vorgesetzter des Angeklagten) und Franz Josef Strohmeier (Lars Koch, Angeklagter). Foto: Klinger

Ferdinand von Schirachs "Terror" ist eines der meistgespielten Stücke dieser Theater-Saison. Auch in Kassel entfacht das packende Schulddrama beim Publikum hitzige Debatten.

Kassel. Mehr kann ein Theaterabend nicht leisten: Das Publikum debattiert leidenschaftlich über den Stoff - in der Pause, nach dem Schlussapplaus. Es denkt mit - und wird dazu gebracht, ganz persönlich Stellung zu beziehen. In Kassel wurde die Premiere von Ferdinand von Schirachs Drama „Terror“ zum aufrüttelnden Theatererlebnis, das am Samstag im fast ausverkauften Schauspielhaus mit viel Applaus gefeiert wurde.

Zurecht ist „Terror“ eins der meistgespielten neuen Dramen der Saison. Der Stoff ist brandaktuell: Es geht um die Frage, ob ein Major der Bundeswehr eigenmächtig und gegen den Befehl ein entführtes Passagierflugzeug abschießen durfte. Er stürzte 164 Insassen in den Tod, um zu verhindern, dass der Terrorist das Flugzeug auf ein Fußballstadion lenkt, in dem 70 000 Menschen sitzen.

Kann man Leben gegeneinander aufrechnen? Diese Frage wird vor Gericht verhandelt. Das Dramenpersonal besteht aus Vorsitzender (mit großer Menschlichkeit: Eva-Maria Keller), Staatsanwältin (charmant, aber in der Sache äußerst bestimmt: Sabrina Ceesay), Verteidiger (knallhart und mit leiser Aggression: Christoph Förster), dem Angeklagten Lars Koch (nachdenklich: Franz Josef Strohmeier), seinem Vorgesetzen (leicht undurchsichtig: Bernd Hölscher) und der Nebenklägerin, der Witwe eines Opfers (zwischen Zorn und Verzweiflung: Ingrid Noemi Stein). Dazu kommen ein Wachtmeister (Dankwart Pankow-Horstmann) und die Protokollführerin (Britt Astrid Bauer).

Der Fall ist so ausgeklügelt konstruiert, dass die abschließende Abstimmung des Publikums, das die Rolle von Schöffen einnimmt, stets knapp ausgeht. Bei den Aufführungen im deutschsprachigen Raum haben im Schnitt 59,9 Prozent für Freispruch gestimmt (siehe Website terror.kiepenheuer-medien.de). In Kassel entschied das Premierenpublikum mit 265 zu 200 für Straffreiheit (56,9 Prozent).

Bewegung gibt es auf der Bühne kaum, Regisseur Patrick Schlösser lässt sein überzeugendes Ensemble voll auf die Kraft des Wortes, die Schönheit der Argumentation setzen. Die von ihm gestaltete runde Bühne zeigt einen altmodischen Gerichtssaal mit Akten, Mikrofonen und mintgrünen Stoffbahnen an den Tischen. Uta Meenen steckt die Darsteller in Robe und Uniform. So ermöglicht die Szenerie das echte Erlebnis einer Gerichtsverhandlung.

Bis hin zu den spannenden Plädoyers von Staatsanwältin und Verteidiger, denen man so gebannt lauscht, weil ihre Argumente exakt diejenigen sind, die derzeit im gesellschaftlichen Diskurs verhandelt werden. Wie können wir uns vor dem islamistischen Terror schützen, der keinen Respekt vor dem Leben zeigt und unsere Gesellschaft gerade in ihrer Offenheit packt? Sind wir wirklich im „Krieg“, und was bedeutet das für unsere freiheitliche Grundordnung? Ist die dann stark, wenn sie bei ihren Prinzipien und ihrer institutionalisierten Entscheidungskette bleibt - oder zeigen wir Stärke, wenn wir eine Notsituations-Entscheidung, wie die des Flugzeugabschusses, straffrei zulassen?

Am Ende: Hammelsprung. Die Zuschauer gehen durch unterschiedliche Türen, um ihr Votum abzugeben. Und beäugen dabei genau, wer wie abstimmt. Von Schirach verlangt, dass jeder Position bezieht. Das wird öffentlich sichtbar - und zum perfekten Ausgangspunkt für engagierte Debatten. Das Theater als Katalysator der Diskussion.

Wieder am 23., 26., 28.4., Kartentelefon: 0561-1094-222.

Von Bettina Fraschke

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