Theaterskandal wegen des „Kannibalen von Rotenburg“

Sorgt für Aufruhr: In „Rechnitz“ geht es viel ums Verspeisen. Foto:  Sebastian Hoppe

So einen Theaterskandal hat das Düsseldorfer Schauspielhaus seit Jahren nicht erlebt. Elfriede Jelineks „Rechnitz“ sorgt für Aufruhr, bei der Premiere kam es zu Tumulten, mehr als die Hälfte der Besucher verließ die Aufführung. Bei der zweiten Vorstellung spuckte ein Gast sogar die Spielleiterin an.

Was die Menschen so aufbringt, ist der Epilog, die letzten Minuten des Stücks. Darin wird ein Gespräch des „Kannibalen von Rotenburg“ mit seinem späteren Opfer zitiert.

Die österreichische Nobelpreisträgerin stellt das Töten und Verspeisen eines Menschen, wie es der Rotenburger Armin Meiwes 2001 getan hat, in einen Zusammenhang mit ihrem Hauptthema: Das preisgekrönte Drama „Rechnitz“ behandelt das Massaker an rund 200 jüdischen Zwangsarbeitern, die bei einer Party der Thyssen-Enkelin Gräfin Margit von Batthyány mit SS-Offizieren auf ihrem Schloss in Rechnitz an der österreichisch-ungarischen Grenze 1945 in Feierlaune getötet worden waren.

„Der Schock des Anfangs hat sich etwas gelegt“, blickt Theatersprecherin Manuela Schürmann zurück. Das Schauspielhaus bietet nach den ersten aufgewühlten Tagen nun Diskussionsveranstaltungen und eine Stückeinführung an, um den Stoff und die Inszenierung von Hermann Schmidt-Rahmer zu erklären. In der Uraufführung vor genau zwei Jahren an den Münchner Kammerspielen hatte Regisseur Jossi Wieler den „Kannibalen“-Epilog gestrichen - er ist also in Düsseldorf erstmals im Stückkontext zu erleben.

Warum Elfriede Jelinek den Stoff aus der NS-Zeit mit dem modernen Tötungsfall zusammenbringt, erklärt ihr Lektor, der Leiter des Rowohlt Theaterverlags, Nils Tabert: „Sie will die Bestie Mensch darstellen, Rechnitz ist der Versuch, das Unfassbare sprachlich zu fassen, wie oft bei Jelinek.“ Dafür verwendet sie christliche Motive, zitiert „das Bild der Abendmahlsgemeinschaft“, es geht im Kontext der Party und des Massakers um Speisen und sich Einverleiben. Von da spannt Jelinek den Bogen zur Tat des „Kannibalen“, beleuchtet die Täter-Opfer-Frage aus anderer Sicht.

„Die Zuschauer finden die unmittelbare Konfrontation mit dem Text hart“, sagt Schürmann. Im Dunkeln wird das Gespräch eingespielt. „Ich habe schon schlimmere Sachen im Fernsehen gesehen, doch im Theater ist man eben viel mehr ausgeliefert.“

Die letzten beiden Vorstellungen waren aber ausverkauft, „jetzt wissen die Menschen besser, was auf sie zukommt und entscheiden sich bewusst für das Stück“, sagt die Sprecherin. In den Diskussionen schildern Besucher zudem, dass ihnen das unvorstellbare Massaker gerade durch die Konfrontation mit der Tötung eines Durchschnittsmenschen von heute noch nähergeht.

Wieder ab Januar, Kartentelefon: 0211/369911.

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