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Theaterstübchen in Not: Markus Knierim schlägt Alarm

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Von: Kirsten Ammermüller, Bettina Fraschke

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In besseren Zeiten: Blick ins voll besetzte Theaterstübchen.
In besseren Zeiten: Blick ins voll besetzte Theaterstübchen. © Theaterstübchen/NH

Markus Knierim sucht Sponsor für seinen Club und erhöht Eintrittspreise. Nach der Corona-Zeit sind die Besucher nicht im nötigen Maß zurückgekehrt. Gleichzeitig steigen die Kosten. Auch die Kasseler Arthouse-Kinos stehen vor einer Zeitenwende und suchen nach finanzieller Unterstützung.

Kassel – Nach den Kinos Bali und Gloria schlägt eine weitere Kasseler Kulturinstitution Alarm: Auch das Theaterstübchen steht vor einer fundamentalen Existenzgefährdung. Auch hier sind es die stark gestiegenen Betriebskosten, die zusammen mit einem anhaltenden Publikumsschwund den Musikclub an den Rande der Schließung bringen.

Ausgangslage

Theaterstübchen-Chef Markus Knierim hat im Moment mit einem Besucherrückgang von 40 bis 50 Prozent zu kämpfen. Zugleich steigen sämtliche laufenden Kosten. Der Strom wird nach seinen Angaben jährlich 8000 bis 10 000 Euro mehr kosten, die Hotelzimmer für die Künstler werden teurer, Knierim rechnet für diesen Posten 15 000 Euro mehr im Jahr. Der gestiegene Mindestlohn wirkt sich auf die Technikergagen aus und so weiter. Bisher waren oft Querfinanzierungen möglich, „deshalb machen wir ja 270 Konzerte im Jahr“. Das würde allerdings immer weniger funktionieren.

Strategien

Der Theaterstübchen-Chef möchte unbedingt das Niveau halten. Der Club wurde bereits vier Mal mit dem Spielstättenpreis der Initiative Musik ausgezeichnet, zuletzt sogar mit dem Hauptpreis „Bestes Programm“ als bester Club Deutschlands.

Um die Mehrausgaben abfangen zu können, hebt Knierim ab Januar die Ticketpreise an. Für Künstler aus der Region werden sie künftig einen Euro teurer sein, bei nationalen und internationalen Bands wird der Preis um zwei Euro erhöht.

Doch das reicht nicht aus, um die gestiegenen Kosten abzufangen. Eine mögliche Schließung des Clubs und damit das Ende eines mit viel Mühe und Herzblut aufgebauten Kulturbetriebes, scheint auf einmal nicht mehr unwahrscheinlich. Doch noch gibt sich der Veranstalter nicht geschlagen. Markus Knierim sucht aktuell Sponsoren aus der regionalen Wirtschaft. Dabei erhält der Kultur-Unternehmer prominente Unterstützung. Thomas Bockelmann, früherer Staatstheaterintendant, hat einen Brandbrief geschrieben und möchte Knierim damit bei der Suche nach Geldgebern unterstützen.

100 000 Euro jährlich wären notwendig, um „Kassels musikalisches Aushängeschild“, wie es in dem Schreiben des Theatermenschen heißt, über die Krise hinwegzuretten. „Es wäre ein Desaster, wenn einer der bestausgestatteten und erfolgreichsten Clubs in Deutschland künftig leer stünde“, so Bockelmann.

Öffentliche Hilfe

Als Wirtschaftsbetrieb kann das Theaterstübchen nicht ohne Weiteres öffentliche Fördermittel erhalten. Eine „Kulturförderung verfolgt gemeinnützige Zwecke und unterstützt mit der Institutionellen Förderung die Infrastruktur oder den laufenden Betrieb nicht kommerzieller Kultureinrichtungen“, erklärt ein Rathaussprecher auf Anfrage. Seit 2019 gibt es aber eine städtische Förderung des Theaterstübchens – über den Umweg, spezielle Angebote zu unterstützen. Jeweils 10 000 Euro bekommt es jährlich für Konzertreihen wie „Rock & Blues“ 2021 oder „Frauenstimmen“ 2022, sowie für die Konzertreihe Kasseler Jazzfrühling, so der Stadtsprecher.

Wirtschaftsförderung ziele dagegen auf die Unterstützung wirtschaftlicher Entwicklungen und fördere beispielsweise die Standortentwicklung privatwirtschaftlicher Unternehmungen.

Situation der Kinos

Wie geht es den Kasseler Arthouse-Kinos? Im Bali steht eine Mieterhöhung um 230 Euro pro Monat ins Haus, die Nebenkostenvorauszahlung steigt um 35 Prozent. Und das bei lediglich einem Drittel der Zuschauer, die früher in die Filmtheater kamen. Die Spendenaktion zur Rettung der Kinos Bali und Gloria seit November sei gut angelaufen, so Geschäftsführer Gerhard Wissner Ventura. Zahlen liegen ihm noch nicht vor. Es gebe viel Unterstützung, Kinofans spendeten auch schon mal 1000 Euro. Manche bieten ehrenamtliche Hilfe an, aber dies sei nicht der Weg, „wir müssen ja davon leben“. Aktuell setzt Wissner auf die Neuauflage des Sonderfonds Kultur, der die laufenden Kosten abfedere. Die Antragsstellung beim Bund läuft. Neben der Spendenaktion über die Seite rettedeinkinokassel.de sind weitere Aktionen geplant, die Unterstützern Extras ermöglichen. Appell auf der Seite: „Gehen sie bitte regelmäßig – so oft Sie können – ins Kino.“ ArchivFotos: Andreas Fischer

Von Bettina Fraschke und Kirsten Ammermüller

Thomas Bockelmann Ehemaliger Staatstheater-Intendant
Thomas Bockelmann Ehemaliger Staatstheater-Intendant © Andreas-Fischer-Fotografie.de
Markus Knierim Leiter des Theaterstübchens
Markus Knierim Leiter des Theaterstübchens © Andreas-Fischer-Fotografie.de

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