Thorsten Wingenfelder über sein Comeback

Die Brüder Thorsten und Kai Wingenfelder.

Im Frühjahr 1993 besuchte Wolfgang Frey das Konzert von Fury In The Slaughterhouse in den Kasseler Messehallen, und das verfolgte den Verantwortlichen des Kulturprogramms der Stadt Wolfhagen bis zuletzt.

Seither versuchte er, die Erfolgsband aus Hannover, die es mit Hits wie „Radio Orchid“ bis in die US-Charts schaffte, vergeblich nach Nordhessen zu holen. Fury gibt es seit 2008 nicht mehr, aber die Brüder Thorsten und Kai Wingenfelder machen wieder Musik und gastieren mit ihrem Album „Besser zu zweit“ am 26. Oktober im Wolfhager Kulturladen. Wir sprachen mit dem 46 Jahre alten Gitarristen Thorsten Wingenfelder.

Nach dem Ende von Fury haben Sie erst Soloalben veröffentlicht und im vorigen Jahr wieder mit Ihrem Bruder zusammengefunden, mit dem Sie sich zwischenzeitlich wie die Gallagher-Streithähne von Oasis gezofft hatten. Wie kam es dazu?

Thorsten Wingenfelder: Zu Konflikten kommt es, wenn du keine Zeit hast, dich auszusprechen. Dann haut man sich wegen Streitigkeiten auf die Nase, die man verbal nicht mehr aushalten kann. Mittlerweile ist das vergessen. Musikalisch wieder zusammengefunden haben wir, als wir ein Tourismus-Projekt für Spiekeroog realisierten. Ich hatte wieder die Fotografie aufgegriffen, und als Kai einen Imagefilm für die Nordseeinsel drehte, habe ich die Bilder beigesteuert. Dabei haben wir auch wieder Musik gemacht, und irgendwann kam der Wunsch, ein Album aufzunehmen. Welche Größenordnung das annimmt, war damals nicht entscheidend. Es sollte nur Spaß bringen. Aber dann waren wir wieder in den Charts.

Dabei waren Sie auch als Fotograf erfolgreich.

Wingenfelder: Stimmt. Ich habe vor allem Porträts und Plattencover gemacht. Irgendwann stand ich als einziger Fotograf bei den Toten Hosen auf der Bühne. Es ging ab wie eine Rakete. Für meinen Lebensunterhalt hätte ich die Musik nicht mehr gebraucht.

Das Songschreiben haben Sie nicht verlernt. Auf „Besser zu zweit“ gibt es große Pop-Hymnen, raue Rock-Songs und eingängige Refrains. Allerdings singen Sie jetzt auf Deutsch.

Wingenfelder: Als wir wieder gemeinsam anfingen, hatten wir einen Mix aus Deutsch und Englisch. Irgendwann war klar, dass die deutschen Songs die stärkeren sind. Zudem war es eine Abgrenzung zu Fury. Damals haben wir Englisch gesungen, weil uns viele Bands von der Insel beeinflussten. Dass man mit intelligenten deutschen Texten die Charts erobern kann, haben erst Wir sind Helden bewiesen. Früher hatten deutsche Songs keine Chance im Radio. Aber die Bloodhound Gang, in deren englischen Texten es ums Ficken und Blasen geht, hörte man schon zum Frühstück.

Vermissen Sie manchmal die alten Zeiten, in denen Sie vor 10.000 Fans aufgetreten sind?

Wingenfelder: Nein, dazu macht das Leben zu viel Spaß. Ich kann es genießen, im Wolfhager Kulturladen vor 120 Fans zu spielen, die auch noch ein Glas Wein in der Hand halten. So ein Konzert ist besser als ein großes, wo vieles verloren geht. Der Befriedigungsgrad heute ist viel höher.

Der „Rolling Stone“ bezeichnete Sie als „Sprachrohr einer Generation“. Was haben Sie für Ihre Generation zu sagen?

Wingenfelder: Wir sind eine Übergangsgeneration. Von dem, was die Jungen durchmachen, können wir viel verstehen. Aber wir haben auch noch eine Brücke zur Nachkriegsgeneration, die uns geboren hat. In unseren Texten geht es um aktuelle Probleme und Zivilcourage, aber auch um Erziehung. Als wir bei einem Konzert „Irgendwann zurück“ spielten, kam ein Vater zu uns und sagte: „Ihr habt uns aus der Seele gesprochen. Genau so war es, als unsere Kinder das Haus verlassen haben.“ Wenn mein ältester Sohn 19 wird, spiele ich ihm den Song vor.

Von Matthias Lohr

„Wingenfelder: Wingenfelder“ spielen am 26. Oktober, 20 Uhr, im Kulturladen Wolfhagen, Triangelstraße 19. Tickets: HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

Zur Person:

Geboren: am 23. März 1966 in Hamburg
Beruf: Musiker, Fotograf
Karriere: 1987 gründete Thorsten Wingenfelder mit seinem Bruder Kai (links) und drei Kumpels in Hannover Fury In The Slaughterhouse. Mit Hits wie „Won’t Forget These Days“ und „Radio Orchid“ verkaufte die Band bis zum Aus 1988 vier Millionen Platten.
Privates: Wingenfelder lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in der Nähe von Köln.

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