Die Tiefe des Unglücks: Dea Lohers Trauer-Stück „Das letzte Feuer“

Kassel. Das Unglück hat sich eingeschlichen wie Schimmelpilz, sagt einer. Und meint ins Leben der Menschen von Dea Lohers heftig-düsterem Stück „Das letzte Feuer”.

Acht Menschen sind in einen Autounfall verwickelt, bei dem ein Junge zu Tode kam. Wie kann man mit dieser Schuld weiterleben? Und mit der eigenen Verzweiflung, die durch den Unfall wie durch einen Brandbeschleuniger heftiger entflammt ist?

Regisseur Martin Schulze geht am Kasseler Staatstheater mit acht Schauspielern auf eine dreieinviertelstündige Expedition in die Tiefe des Unglücks. Das Premierenpublikum am Freitag dankte mit viel Applaus, eine Reihe Besucher hatte das volle Parkett aber zur Pause verlassen.

Daniel Roskamps Bühne ist eine Art kleinstädtischer Mehrzwecksaal. Trostlosigkeit hängt in der Luft. Paneele aus Holzimitat, Stapelstühle, eine Billig-Kaffeemaschine mit Plastikbechern, die Andeutung von Kegelbahn und Getränkeausgabe, Neonlicht, im Vordergrund ein Erdhaufen mit nackten Grabkränzen. Kein heimeliger Ort, und doch wird er für die acht Seelen, die sich hier zusammenfinden, vorübergehend zum Hafen.

Es beginnt im Stockdunkeln mit dem Klicken eines Feuerzeugs. Ein Friedhofslicht glimmt. Klick: noch eins. Klick: noch eins. Wie zum Totengedenken haben sich hier Menschen mit schäbigen Mänteln, rutschenden Nylonstrümpfen, Plastiklatschen und schlecht sitzenden Anzügen versammelt (Kostüme: Ulrike Obermüller). Sie sprechen und singen im Chor, erzählen miteinander den Unfall, korrigieren, setzen neu an (Chöre und Musik: Dirk Raulf). „Am helllichten Mittag des 19. August“: eine kollektive Vergewisserung. Tagt hier eine Selbsthilfegruppe bei der Trauerarbeit?

Das Wir spricht, ein Kollektiv, aus dem sich zwischendurch immer wieder Einzelstimmen herausarbeiten. Doch dieser achtfache Chortext klingt zu schneidend, zu scharf. Der forcierte und recht aggressive Vortrag passt nicht zum Grundthema der Verzweiflung.

Anders die Szenen, die mit dem Chorsprechen abwechseln. Mal die zwei, mal die zwei stehen auf, sind jetzt dran, sagen und zeigen etwas, treten in Kontakt. Ungleich intensiver in der Wirkung erschaffen die durchweg überzeugenden Schauspieler hier berührende Leidensminiaturen.

Susanne (Agnes Mann) wäscht ihre demente Schwiegermutter Rosmarie (Sibylle Brunner), Susannes Mann Ludwig (Enrique Keil) gesteht der brustamputierten Karoline (Eva-Maria Keller) seine Liebe. Polizistin Edna (Anke Stedingk) will ihre Karriere polieren. Der arbeitslose Peter (Jürgen Wink) verzweifelt über seinen Geliebten Olaf, einen Autodieb (Aljoscha Langel).

Und der Neue im Viertel, der Ex-Soldat Rabe (Bernd Hölscher) wird zum geheimnisvollen Schmerzensmann, von dem sich alle Erlösung versprechen. Erlösung, das kann schon eine Umarmung sein. Rabe gibt allen Trost.

Voller Hoffnung auf einen Neuanfang zieht schließlich Susanne bei ihm ein. Doch die Verzweiflung hört nicht auf, in ihren Seelen zu wühlen. Und erzeugt riesige Wut und riesige Gewalt. Schließlich muss Susanne dem Rabe mit Tesakrepp die Handgelenke und sich selbst mit Klebestreifen um den Bauch an ihn fesseln. Damit sie sich endlich nicht mehr gegenseitig kaputtschlagen.

Wieder am 1., 17.2., Karten: 0561-1094-222.

Rubriklistenbild: © Matthias Jung

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