Elisabeth Leonskaja faszinierte bei den Kasseler Musiktagen

Mit tiefem Verständnis

Überaus persönliche Herangehensweise: Elisabeth Leonskaja. Foto: Schachtschneider

KASSEL. Einem bedeutenden Klavierabend, wie er in Kassel selten ist, wohnten am Sonntag 400 Zuhörer im Blauen Saal der Stadthalle bei. Die russische Pianistin Elisabeth Leonskaja trat im Rahmen der Kasseler Musiktage auf und feierte einen Triumph, der - das Publikum hatte ein feines Gespür dafür - sich nicht in erster Linie gekonnter Tastenartistik verdankte. Was das Spiel der Pianistin auszeichnet, ist eine überaus persönliche Herangehensweise, die sich dennoch von der ersten bis zur letzten Note zu einem schlüssigen Ergebnis rundet.

Die Demonstrationsobjekte für diese Essenz einer fast 60-jährigen Bühnenlaufbahn stammten von Franz Schubert, Alban Berg und Johannes Brahms. Zwei Schubert-Sonaten umrahmten im ersten Teil die Sonate op. 1 von Berg. In der ersten, a-Moll D 537, setzte Leonskaja schon mit den einleitenden Takten Wegmarken für das zu Erwartende. Energisch, oft auch kraftstrotzend agiert sie, doch immer aus einem tiefen Verständnis heraus für das Werk. Herrlich, wie die schlichten Melodien auf einem mal samtenen, dann wieder rauen Untergrund aufblühen durften.

Bergs Sonate, noch auf dem letzten Zentimeter der Romantik stehend, doch den Blick auf den unvermeidlichen Umbruch gerichtet, wurde zum sinnvollen Gegenpart. Außergewöhnlich, wie Leonskaja hier eine metallische Spannung mit einer glasklaren Durchsichtigkeit verband.

Die folgende fragmentarische C-Dur-Sonate Schuberts (D 840) musste man dann anders hören, vom Ende einer Epoche her, an deren Anfang sie stand. Auch hier großartige weite Bögen, individuelle Momente en masse und doch eine nachvollziehbare Interpretation, wie sie sich heute nicht mehr viele (zu)trauen.

Der zweite Teil gehörte Brahms, seiner f-Moll-Sonate op. 5. Das bei Schubert Erprobte durfte hier voll auftrumpfen: harte Brüche, gewaltige Steigerungen wie im zweiten Satz, doch gab es auch leichten Atem und Raum für Innigkeit. All dies band die Aufmerksamkeit aller stark, faszinierte, bereicherte auf höchstem Niveau. Drei Zugaben: Mozart, Johann Strauss, Schubert.

Von Johannes Mundry

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