Sprachlos angesichts der Schönheit

Tierisch stark: Choreografien von Shechter und Wieland

Auf dem langen Weg der Evolution: Das neunköpfige Kasseler Ensemble in Hofesh Shechters Stück „Dog“. Fotos: Klinger

Der Israeli Hofesh Shechter gilt als einer der gefragtesten Choreografen. Nun ist eines seiner Stücke am Kasseler Staatstheater zu sehen, wo auch Tanzdirektor Johannes Wieland glänzt.

Kassel. Die Geschichte, die der israelische Choreograf Hofesh Shechter in seinem Stück „Dog“ erzählt, beginnt bereits vor Hunderttausenden von Jahren. Die Tänzer des Kasseler Staatstheaters sind noch nicht auf der Bühne des Schauspielhauses, da hört man aus dem Off Shechters Stimme, die von den ersten Delfinen erzählt, wie sie begannen zu kommunizieren und sich von den anderen Tieren absonderten. Von da an, sagt Shechter, „waren sie keine Tiere mehr, sondern Delfine. Es ist noch nicht vorbei.“

Da geht es noch einmal richtig los an diesem fulminanten, zweiteiligen Tanzabend. Der weltweit gefragte Choreograf aus London hat sein Stück „Dog“, das in Schottland uraufgeführt wurde, mit den neun Kasseler Tänzern neu bearbeitet. Für das Staatstheater ist das ein Ritterschlag, für die Zuschauer bei der Premiere am Samstag im ausverkauften Schauspielhaus war es ein Erlebnis.

Große Sprünge: Ákos Dózsa (oben) und Victor Rottier in „science! fiction! now!“.

Ihnen bleibt kaum Zeit zum Luftholen, ein solches Tempo legt die Company vor. Das war schon in Johannes Wielands „science! fiction! now!“ so, das den Abend eröffnete. Der Kasseler Tanzdirektor erzählt von der Zukunft und fragt, ob es die überhaupt gibt, weil sie immer schon Gegenwart geworden ist, wenn wir sie erreichen.

Mit vielen Sprüngen und Hebefiguren wirbeln die Tänzer über den Holzboden. Rémi Benards Solo zum fast zehnminütigen Gitarrensolo der US-Band Funkadelic ist der schiere Wahnsinn. Dann reist Ákos Dózsa die Holzdielen aus dem Boden und gräbt zwei tiefe Löcher, als wolle er sich sein eigens Grab schaufeln.

Viel Erde fliegt umher, und irgendwann holen die Tänzer zwei uralte Mikrofonständer aus der Kuhle. Laja Field und Ann-Christin Zimmermann hauchen immer wieder hinein: „Wir finden nichts. No. Now.“ Jetzt nicht. Wielands Stück zeigt, wie wir in der Vergangenheit nach einer besseren Zukunft suchen, um schließlich den Moment zu erleben.

Auch Shechters Stück spielt auf einer langen Zeitachse, denn der Kampf der Evolution geht weiter. Der 39-Jährige, der während der Proben nur vier Tage in Kassel war, versteht Evolution als „Bestreben, besser zu werden“. Er wisse jedoch nicht, ob „die Menschheit die Kette der Evolution durchbrechen kann“, hatte er im Vorfeld gesagt. Die Delfin-Geschichte kann man auch als Parabel auf den Nahost-Konflikt interpretieren, der Shechter desillusioniert hat.

In seinem Bewegungsrepertoire kann man Elemente des israelischen Volkstanzes erkennen. Im gedämpften Licht der leeren Bühne strahlt „Dog“ aber vor allem eine archaische Urgewalt aus. Wenn sich die Tänzer in Gruppen gebückt zu Samba-Rhythmen oder auf allen Vieren bewegen, sieht das aus wie im Film-Klassiker „Planet der Affen“.

Wie Wieland bleibt auch Shechter eher abstrakt und betont Tanztheater auf dem ersten Wort. Man kann viel in seinen Tanz hineininterpretieren. Mehrmals lässt der studierte Schlagzeuger seine perkussive Musik rückwärts laufen. Sollte vielleicht auch die Evolution zurückgedreht werden, wenn Tiere die besseren Menschen sind? Manchmal ist man etwas ratlos und manchmal sprachlos angesichts der Schönheit.

Auf der Webseite von Shechter steht übrigens der Satz: „Moderner Tanz ist langweilig“. Der lange Applaus legt den Schluss nahe, dass das ein guter Witz war.

Es tanzen: Laja Field, Gotaute Kalmataviciute, Isadora Wolfe, Rémi Benard, Ann-Christin Zimmermann, Ákos Dózsa, Martin Durov, Victor Adrian Marinus Andreas Rottier und Shafiki Sseggayi.

Nächste Aufführungen am 29. November sowie am 4., 7. und 14. Dezember im Kasseler Schauspielhaus. Karten: 0561/1094-222.

Von Matthias Lohr

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