Ensemblemitglieder berichteten beim Resonanzboden über die Faszination des Tanzes am Staatstheater

Der Tipp: Bitte einfach ganz locker rangehen

Kassel. Giacomo Corvaia wusste früh, dass es nicht einfach werden würde mit dem Tanzen. Als der gebürtige Römer als Kind vor dem Fernseher die Bewegungen von Hip-Hop-Tänzern nachmachte, schüttelten die anderen den Kopf. „Die Familie unterstützt es nicht so sehr, wenn du als Junge Tänzer werden willst“, sagte er am Montag beim Resonanzboden der Fördergesellschaft Staatstheater.

Heute ist der 26 Jahre alte Italiener einer der aufregendsten Akteure des Ensembles von Johannes Wieland am Kasseler Staatstheater. Die Veranstaltungsreihe im Opernfoyer zeigte, wie aufregend der zeitgenössische Tanz ist.

Neben Corvaia befragten die Moderatoren Monika Gerke-Heinze und die ehemalige HNA-Kulturredakteurin Juliane Sattler dessen Kolleginnen Lillian Stillwell und Annamari Keskinen sowie den Tanzdramaturgen Thorsten Teubl.

Vor 50 Zuhörern ging es um Persönliches sowie den Unterschied zwischen klassischem Ballett und modernem Tanz. Die Amerikanerin Stillwell kennt beides: Nachdem sie den Sprung ins zeitgenössische Fach gewagt hatte, wartete sie in New York zwei Jahre lang auf einen Termin zum Vortanzen bei Wieland. Dann setzte sie sich gegen 300 Kandidaten durch. In der nächsten Spielzeit wird die 36-Jährige die dienstälteste Tänzerin am Staatstheater sein.

Dort pflegt der Choreograf Wieland, so die Expertin Sattler, „ein Gesamtkunstwerk“, das viel mehr ist als Musik und Bewegung, aber auch etwas anderes als das, was Ballett-Liebhaber schätzen. Für Dramaturg Teubl geht es hier nicht um die ästhetische Perfektion der Bewegung, sondern um die Probleme von heute: „Wir bringen die Realität auf die Bühne des Tanzes zurück.“ Seine Empfehlung: Weil zeitgenössische Choreografien „dem bildungsbürgerlichen Zwang des Verstehens entbunden“ seien, könne man da „ganz locker rangehen“.

Das auch ein gutes Motto für die Tänzer ist, deren Bühnenkarrieren spätestens mit 40 vorbei sind und die deshalb Berufsoptimisten sein müssen. „Wir leben jetzt“, sagte die Finnin Keskinen. Corvaia will „nicht das ganze Leben den gleichen Job machen“. Darum verlässt er Kassel im Sommer wie vier andere aus dem Ensemble. Teubl: „Wenn ein Tänzer zu lange sitzen bleibt, klebt er fest.“

Von Matthias Lohr

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