Neu im Kino: „Es kommt der Tag“ über eine Ex-Terroristin

Die Tochter rechnet ab

Vergangenheitsbewältigung beim Wein: Alice (Katharina Schüttler, rechts) stellt ihre Mutter Judith (Iris Berben) zur Rede. Sohn Lucas (Sebastian Urzendowsky) ist gespannt. Foto: Zorro

Verwunschen liegt der Weinberg am Rande einer gewundenen Straße im Elsass. Auf jedem Rebstock flattert ein Zettel – die Fotokopie eines Fahndungsaufrufes des Bundeskriminalamtes. Das Foto der gesuchten Terroristin ist mehr als 30 Jahre alt, aber es könnte ausreichen, um Judith (Iris Berben) hinter Schloss und Riegel zu bringen. Die ehemalige RAF-Kämpferin hat sich hier nahe der deutsch-französischen Grenze unter falschem Namen eine neue Existenz aufgebaut: ein Mann, zwei Kinder, ein Weingut.

Die Familie ahnt nichts vom terroristischen Hintergrund der Mutter, bis Alice (Katharina Schüttler) sich in der Ferienwohnung einquartiert. Im Gepäck hat sie eine Akte über die gesuchte Terroristin, Fotos der Todesopfer und jene Fahndungsaufrufe, die sie an die Rebstöcke heftet. Vier Jahre alt war Alice, als ihre Mutter sie zur Adoption freigab, um in den Untergrund zu gehen. Die wütende, junge Frau konfrontiert ihre Mutter und Familie mit der terroristischen Vergangenheit und ihrer eigenen tiefen Verlassenheit.

Angelehnt an die Geschichte von Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin, die den Kontakt zu ihren Kindern abbrachen, um sich dem politischen Kampf zu widmen, entwirft Susanne Schneider in „Es kommt der Tag“ eine fiktive Konfrontation der Revolutionäre mit ihren Kindern.

Seine Stärke entwickelt der Film in der direkten, emotionalen Auseinandersetzung zwischen Mutter, Tochter und dem Rest der Familie. Katharina Schüttler überzeugt als zutiefst enttäuschte Rächerin der verlorenen Kindheit und auch Iris Berben arbeitet die verdrängten Gewissenskonflikte der ehemaligen Terroristin sorgfältig heraus.

Im Gegensatz zu Polit-Epochengemälden wie „Der Baader-Meinhof-Komplex“ stellt Susanne Schneider durch den Fokus auf die hochemotionale Mutter-Tochter-Geschichte die interessanteren Fragen nach persönlicher Verantwortung, Verdrängung, Vergebung und unüberbrückbaren Generationskonflikten. Fragen, auf die unsere Gesellschaft, wie die Begnadigungsdebatte vor zwei Jahren gezeigt hat, bis heute keine schlüssige Antwort gefunden hat.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 6

Wertung: !!!!:

Von Martin Schwickert

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