Diese Band hat es schwer

Tocotronic im Kulturzelt glänzen vor allem mit alten Hits

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Vor allem die alten Hits kamen beim Kulturzelt-Publikum an: Dirk von Lowtzow und  Arne Zank von Tocotronic bei ihrem Auftritt in Kassel.

Kassel. Als das schwulste Album aller Zeiten sei sein neuestes Werk schon bezeichnet worden. "Und das ist doch ganz gut", sagt Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow beim Auftritt des Hamburger Quartetts im fast ausverkauften Kulturzelt am Freitag.

Damit gibt er gleich zu Beginn vor, was sich wie die Synthie- und Gitarrenklänge seiner Band durch den gesamten Abend zieht. Tocotronic haben es schwer.

Die Band lebt vom Ruhm vergangener Tage, in denen sie deutschsprachige Indiepop-Hymnen am Fließband schrieb. Eine Zeit, in der Schlagzeuger Arne Zank die Nerd-Brille kultivierte und seine Bandkollegen die Adidas-Trainingsjacke salonfähig machten. Dennoch ist kaum eine andere Band so glaubwürdig gealtert. Von Lowtzow, Mitte 40, die Haare von vielen grauen Strähnen durchzogen, singt seine Parolen über Jugendbewegungen und Kleinkunst schon lange nicht mehr.

2015 sind die Texte stark verkopft, nicht erzählend oder lamentierend, sondern in Fragmenten Bilder heraufbeschwörend, die sich nicht immer sofort zusammensetzen wollen. Von Lowtzows sonore, immer angenehme Stimme und ein gut abgemischter Klang helfen dem Kasseler Publikum dabei. "Wir steigen durch die Pfützen hinab zu den Augen des anderen", heißt es in "Ich öffne mich". Das funktioniert beim Hören daheim, ein Konzertpublikum tut sich schwer.

Die Songs des durchaus guten neuen "roten" Albums wollen live nicht zünden. Die aktuelle Singleauskopplung "Rebel Boy" bekommt noch den größten Applaus. Der brandet dafür umso stärker auf, als die Band im zweiten Teil des Konzertes die längst lautstark geforderten Indiepop-Klassiker abliefert. "Let there be rock" und "Freiburg", die Ode an von Lowtzows Heimat, zuvor sogar das nur selten gespielte "Samstag ist Selbstmord". Musikalisch ist all das gut anzuhören.

Nicht oft genug kann betont werden, wie gut der Band die Hinzunahme des zweiten Gitarristen Rick McPhail getan hat. Der US-Amerikaner garniert die Lieder mit seinen Soli, unterstützt beim Gesang und streut zahllose elektronische Effekte ein. Im Zelt wird getanzt. Für die große Bühnenshow standen Tocotronic noch nie. Auch im Kulturzelt ist die Distanz zum Publikum spürbar. Von Lowtzow moderiert mit großen Gesten, spricht immer wieder unverständlich neben sein Mikrofon und siezt die Konzertgäste. Dabei wirkt er wie ein Elder Statesman des Pop. Und das völlig zu Recht. Nach 22 Jahren erfolgreicher Bandgeschichte müssen von Lowtzow, McPhail, Zank und Jan Müller sich niemandem mehr beweisen. Auch 2015 sind sie eben immer noch ganz gut.

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