Tod des Literaturkritikers

Nach Reich-Ranicki: Quo vadis, Literaturkritik?

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Marcel Reich-Ranicki verstarb im Alter von 93 Jahren.

Frankfurt/Main - Laienkritiker werden immer mehr wahrgenommen, Berufskritiker immer weniger gelesen, Großkritiker wie Marcel Reich-Ranicki gehören der Vergangenheit an. Was wird jetzt aus der Literaturkritik?

Einen Literaturkritiker wie Marcel Reich-Ranicki wird es nie wieder geben. Das liegt nicht nur daran, dass die Kombination aus Kompetenz und Kommunikationstalent, die „MRR“ auszeichnete, ein seltener Glücksfall war. Die Literaturkritik selbst ist im Wandel begriffen: Ein derart dominanter Meinungsführer ist in Zukunft nicht mehr denkbar.

Dass Reich-Ranicki einen Ruf hatte wie Donnerhall, lag vor allem an der früheren ZDF-Sendung „Das Literarische Quartett“. Als „FAZ“-Feuilletonist war „MRR“ angesehen, aber ein derart breites Publikum erreichte er dort nicht. Während ihrer Hochphase hatte die Fernsehshow mehr als eine Million Zuschauer. Als die Sendung 1988 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, steckten die Privatsender noch in den Kinderschuhen.

Laut, schnell und schrill

Auch das gedruckte Feuilleton verliert an Bedeutung. Die Literaturkritik drohe „marginalisiert zu werden“, schrieb die „Neue Zürcher Zeitung“ kürzlich in einem Artikel, der sich fast wie ein Nachruf las. Ein Grund ist der Auflagenverlust der Print-Medien. Die Hauptgefahr aber heißt „nicht Schrumpfung, sondern Digitalisierung“. Einfach nur gedruckte Inhalte ins Netz zu stellen, funktioniere nicht. Der digitale Leser sei ungeduldiger, intoleranter gegenüber allem Weitschweifigen, er wolle es „laut, schnell, schrill“.

Noch immer geben Verlage große Summen aus für Anzeigen in den Literaturbeilagen. Bald aber werde es wichtiger sein, Geld in Suchmaschinen-Optimierung zu investieren, sagt Ralph Möllers, Kleinverleger und Mitbegründer der Literatur-Plattform „Flipintu“. Das Online-Magazin fischt unter anderem - abgestimmt auf die Interessen des Nutzers - Kritiken aus dem Netz. Das Internet habe die „Deutungshoheit“ des Feuilletons längst gebrochen, meint Möllers.

Anna Rokosz hat ein Buch geschrieben über Literaturkritik „zwischen Bestsellerlisten und Laienrezensionen“. Sie sieht eine „Demokratisierung der Literaturkritik“: „Das Diktieren des Geschmacks von oben“ gehöre der Vergangenheit an, „Leserkritik als neue Kritikform spielt eine immer wichtigere Rolle“. Auch die Nutzungsgewohnheiten veränderten sich: schneller und oberflächlicher werde die Kritik, zwangloser und unautoritärer die Sprache.

Marcel Reich-Ranicki ist tot - Bilder seines Lebens

Marcel Reich-Ranicki wurde am 2. Juni 1920 in Polen geboren. Der Sohn einer jüdischen Familie machte 1938 in Berlin Abitur, die Nazis wiesen ihn dann aber nach Polen aus. Im Warschauer Ghetto gelang ihm 1943 mit seiner Frau Teofila (Tosia), die er dort geheiratet hatte, die Flucht. Seine Eltern und die seiner Frau wurden Opfer des Holocaust. © dpa
Februar 1981: Marcel Reich-Ranicki (r) im Gespräch mit dem Schriftsteller Siegfried Lenz (l). © dpa
Juni 1983: Der Kritiker gratuliert der Stuttgarter Schriftstellerin Friederike Roth zum Ingeborg-Bachmann-Preis. © dpa
März 1993: Marcel Reich-Ranicki erhält von Bürgermeister Klaus Bähr (r) den Hermann-Sinsheimer-Preis der Stadt Freinsheim. © dpa
Juli 1991: Die vier Literaturkritiker in der Kulisse der ZDF-Sendung "Das literarische Quartett": die österreichische Publizistin Sigrid Löffler (v.l.n.r.), der deutsche Literaturkritiker Hellmuth Karasek, der deutsche Schriftsteller  Ulrich Greiner und "Literaturpapst" Marcel Reich-Ranicki. © dpa
Dezember 1992: Marcel Reich-Ranicki (r) erhält vom hessischen Ministerpräsidenten Hans Eichel (l) die Wilhelm-Leuschner-Medaille. © dpa
April 1995: Der Literaturkritiker mit Schriftsteller Günter Grass (r) vor Beginn des Literaturforums im jüdischen Gemeindezentrum. © dpa
Dezember 2001: Reich-Ranicki mit seinem Sohn Andrew (r) und dessen Frau Ida Thompson im Berliner Schloss Bellevue nach seinem letzten Auftritt in "Das literarische Quartett". © dpa
August 2002: In der Frankfurter Paulskirche hält er den Goethepreis für sein Lebenswerk in der Hand. © dpa
Oktober 2003: Der deutsche Literaturkritiker vor einer "Fototapete" in seinem eigenen Wohnzimmer. © dpa
Februar 2006: Ehrendoktorhut der Universität Tel Aviv. © dpa
Mai 2008: Marcel Reich-Ranicki und seine Frau Teofila. Die polnisch-deutsche Künstlerin starb am 29. April 2011. © dpa
Mai 2008: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ehrt den Autor für sein journalistisches Lebenswerk im Schauspielhaus in Hamburg. © dpa
Oktober 2008: Bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises sollte Marcel Reich-Ranicki mit dem Ehrenpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet werden. Doch er weigerte sich, ihn anzunehmen. © dpa
Juni 2008: Seine Autobiografie "Mein Leben" wurde verfilmt. In der Rolle des jungen Reich-Ranicki: Matthias Schweighöfer (Bild links). Rechts hinten:  Das "Original". © dpa
Am 18. September 2013 verstarb Marcel Reich-Ranicki im Nellinistift in Frankfurt am Main. © dpa

Der Versandhandel mit Büchern boomt. In Marcel Reich-Ranickis frühen Jahren kaufte man Bücher ausschließlich in der Buchhandlung. 2012 ging der Umsatz im Sortimentsbuchhandel laut Börsenverein des Deutschen Buchhandels um 3,7 Prozent zurück, der Online-Handel wuchs um 10,4 Prozent. Entsprechend werden auch Laienkritiker immer mehr wahrgenommen, die ihre Einschätzungen etwa bei „Amazon.de“ kundtun.

Einer, der jahrelang solche Kritiken schrieb, ist Thorsten Wiedau. Nach 3500 Rezensionen hörte er auf - und schimpfte danach lautstark über angebliche Tricksereien: „Das Perfide an dem System ist, dass es die Rezensenten ganz klar manipuliert, zugleich aber Unabhängigkeit suggeriert“, polterte er unter anderem im Branchenmagazin „Buchreport“. Kritiker würden im Rang heruntergestuft, wenn sie Verrisse schrieben, die den Verkauf des Buchs erschwerten. Amazon bestreitet den Manipulationsvorwurf. Man greife „grundsätzlich nicht in die Meinungsäußerung der Kundenrezensionen ein“.

Es ist ein kleiner Treppenwitz der Mediengeschichte, dass die Nachricht vom Tode Reich-Ranickis zuerst im Internet auftauchte - über Twitter.

dpa

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