Kultursommer: Eva Mattes zeigte in Kassel den Himmel über Berlin

Töne des Leidens

Mit unbändigem Temperament: Eva Mattes. Foto: Fischer

Kassel. Der Ruhm der Schauspielerin hat bisher den der Chansonette überstrahlt. Doch nicht erst seit dem szenischen Liederabend „Und über uns der Himmel“, ihrem derzeitigen Tourprogramm, mit dem Eva Mattes am Sonnabend beim Kultursommer Nordhessen gastierte, wird diese künstlerische Doppelbegabung immer deutlicher wahrnehmbar.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten erarbeitet sie mit Irmgard Schleier, Regisseurin und Dirigentin, die einst Kasseler Kulturdezernentin war, und deren Mann Peter Homann szenisch-musikalische Revuen wie diese. Der Himmel, um den es hier geht, ist der über Berlin - real und in der Imagination. Das Berlin, das die „Tatort“-Kommissarin und ihre Compagnie besingen, gibt es nicht mehr.

Es sind die Lieder einer verlorenen Zeit, der Goldenen Zwanziger, einer strahlenden, hektisch-fröhlichen und manchmal sentimentalen Zeit. Und auch Lieder der Emigranten im Exil, die niemals wiederkehrten, und einiger, die es dennoch taten, weil das Heimweh nach Berlin sie nicht losließ.

So ist die Grundfarbe des Abends Schwarz, sichtbar vor Augen und unsichtbar, sowohl in Kostümen und Bühnenarrangement als auch bei der perfekt inszenierten Folge von Liedern, Texten und Chorstücken des Vokalensembles Johanna Mohr (Sopran), Petra Borel (Alt), Andreas Frye (Tenor) und Dankwart Pakow (Bass) sowie des Akkordeon- und Klaviervirtuosen Dariusz Swinoga.

Im Zentrum steht immer Mattes, die singt, rezitiert, tanzt und mit ihrem Temperament gestisch die Texte unterstreicht. Namen wie Kurt Weill, Friedrich Hollaender, Mascha Kaléko, Walter Mehring, Brecht stehen für diese Emigrantengeneration, deutsche und jiddische Lieder, Briefauszüge, aber das Spektrum erweitert sich, schließt russische Volkslieder oder zeitgenössische Bearbeitungen von Biermann und Degenhardt ein, bis hin zum Musical „Cabaret“.

Ihnen gemeinsam ist der Grundton des Leidens, des Verlusts von Heimat und Zugehörigkeit. Viel Unterhaltsames, Nachdenkliches und Mitreißendes - keine leichte Kost. Heftiger Beifall. Und eine brillante Zugabe des Polen Swinoga.

Von Claudia von Dehn

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.