Tolle Musik und feinsinnige Literatur beim Festival „Begegnungen“ in der Grimmwelt

Intensives Musizieren: Tianwa Yang (von links) und Ulf Schneider (Violine), Wen Xiao Zheng (Viola) und Mikael Samsonov (Violoncello) spielten am Freitag in der Grimmwelt einen Satz aus Franz Schuberts „Rosamunde“-Quartett. Fotos: Fischer

Kassel. Beethovens ebenso humor- wie anspruchsvolles „Duett mit zwei obligaten Augengläsern“ für Viola und Cello bildete den furiosen Auftakt des zweiten Konzerts des von den Kasseler Musiktagen präsentierten Kammermusikfestivals „Begegnungen“ am Freitagabend in der Grimmwelt.

Vor ausverkauftem Saal lieferten sich Wen Xiao Zheng (Viola) und Mikael Samsonov (Cello) einen feinsinnigen und agilen Schlagabtausch voller Charme, Witz und Energie.

Im Großen bot der Abend ein wechselndes Aufeinandertreffen von Musik und Literatur unter dem gemeinsamen Nenner der Romantik. Susanne Schaeffer führte in mehreren Episoden in das Leben und Werk des aus Borken stammenden Dichters Ernst Koch ein. Dessen 1834 erschienenes, inzwischen vergessenes Hauptwerk „Prinz Rosa Stramin“ enthält poetische Empfindungen und Erinnerungen, darunter eine emphatische Schilderung des damaligen Blicks vom Kasseler Weinberg.

Eine Sonatine der Französin Pauline Viardot kam durch Ulf Schneider (Violine) und Nicholas Rimmer (Klavier) in ihren verträumten wie tänzerischen Facetten zur Geltung. Tianwa Yang (Violine), Ulf Schneider, Wen Xiao Zheng und Mikael Samsonov schufen eine in sich gekehrte und dabei höchst luzide Fassung (leider nur) des langsamen Satzes aus Schuberts „Rosamunde“-Streichquartett. Als wogender, sich von düsterer Melancholie bis zur wilden Ekstase steigernder Gegenpol erklang dann Gustav Mahlers A-Moll-Quartettsatz für Violine, Viola, Cello und Klavier.

Gerade in diesen beiden Stücken überzeugten die technisch und musikalisch einwandfrei agierenden Musiker durch ein großartig abgestimmtes Zusammenspiel. Nach herzlichem Applaus des Publikums folgte mit dem Andante cantabile aus Robert Schumanns Klavierquartett noch eine zutiefst romantische Zugabe.

Schumann spielt verrückt - und Brahms rockt

Wie hört es sich an, wenn ein deutscher Komponist am Persischen Golf vom Heimweh gepackt wird? Eine unterhaltsame Antwort gab der dritte Abend von Tianwa Yangs wunderbarem Kammermusikfestival „Begegnungen“ in der Grimmwelt. Die in Kassel lebende und lehrende Stargeigerin spielte eingangs mit dem Cellisten Mikael Samsonov fünf Duos von Jörg Widmann (43), den sie zu Recht einen der interessantesten Musiker seiner Generation nannte.

Widmann, als Komponist ebenso erfolgreich wie als Klarinettist, hat diese Duos 2008 in Dubai geschrieben und dabei nicht mit ironisch-sentimentalen Anklängen an die europäische Musiktradition gespart. Eines der Stücke heißt „Vier Strophen vom Heimweh“, ein anderes „Valse bavaroise“, bayerischer Walzer. Äußerst pointiert spielten Tianwa Yang und Mikael Samsonov die reizvollen Miniaturen.

Auf den zeitgenössischen Komponisten folgte Robert Schumann, was einer stimmigen Programmlogik entsprach, da der Romantiker von Widmann aus gutem Grund besonders geschätzt wird. Aufregend modern wirkte das Klavierquartett op. 47. Zu hören waren der früher in Kassel lehrende Geiger Ulf Schneider, mit dem Trio Jean Paul als exzellenter Schumann-Interpret bekannt, Wen Xiao Zheng, Solobratschist beim BR-Symphonieorchester, der leidenschaftliche Cellist Mikael Samsonov und Tianwa Yangs Klavierpartner Nicholas Rimmer. Überaus detailreich und transparent ließen sie Schumanns Nerven- und Seelenmusik erklingen. Da brodelte es gewaltig.

Nach der Pause präsentierten Tianwa Yang, Ulf Schneider, Wen Xiao Zheng, Nicholas Rimmer und der in seiner präzise fokussierten Energie überzeugende junge Cellist Gabriel Schwabe das große Klavierquintett f-Moll von Johannes Brahms. Die fulminante Geigerin und ihre musikalischen Partner boten eine packende Interpretation - heftige Energieschübe inbegriffen. Vielleicht kann man die Eindrücke des Abends so zusammenfassen: Schumann ist herrlich „verrückt“, Brahms rockt. Es gab Riesenbeifall im ausverkauften Haus und eine wirbelnde Dvorák-Zugabe.

Von Felix Werthschulte und Georg Pepl

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