Ein tolles Konzert des Folk-Duos CocoRosie im Kulturzelt

Schräge Schwestern: Die CocoRosie-Sängerinnen Sierra (links) und Bianca Casady im Kasseler Kulturzelt. Fotomontage: Koch

Kassel. Früher wäre das, was Sierra Casady am Mittwochabend mit ihren Armen im Kasseler Kulturzelt machte, nur eine Art Erfrischung gewesen. Aber seitdem der neue Muschelbau das Zirkuszelt an der Drahtbrücke ersetzt hat, ist es unter dem Dach selbst bei tropischer Hitze angenehm kühl. Die eine Hälfte des Schwesternduos CocoRosie musste sich also keine Luft mehr ins Gesicht fächern.

So war es einfach nur eine wunderschöne Arm-Choreografie, die mal an Joe Cocker, mal an den Segen des Papstes und mal an eine Freistilschwimmerin erinnerte.

Als Kind soll die in Indianer-Reservaten aufgewachsene Amerikanerin nur mit Tieren geredet haben. Auch bei ihrem jetzt schon denkwürdigen Kasseler Auftritt verzichten Sierra und Bianca Casady weitgehend auf das gesprochene Wort. Das Einzige, was die 750 Besucher im vollen Kulturzelt zwischen ihren elektronisch angehauchten HipHop-Folk-Songs zu hören bekommen, sind einige „Dankeschöns“. Die Wahl-Pariserinnen lassen lieber ihre Arme sprechen - und ihre Musik.

Die gilt als „Freak Folk“ - wie schräg das ist, erkennt man schon bei der Auswahl der Instrumente. Ihr 2004 erschienenes Debüt hatten die Schwestern mit Kinderspielzeug in einer Badewanne aufgenommen. Der Schlagzeuger spielt nun unter anderem auf einem Ofenrohr. Und die wummernden Beats kommen nicht aus dem Computer, sondern von einem Beatboxer, der mit Mund und Mikro eine ganze Loveparade ersetzen könnte. Er erhält für seine Soli genauso Szenenapplaus wie der französische Jazz-Pianist Gaël Rakotondrabe, mit dem CocoRosie ihr aktuelles Album „Grey Oceans“ aufgenommen haben.

In ihren Liedern verbinden sie spirituellen Schamanengesang mit Kinderliedercharme und schönen Melodien. CocoRosie schaffen es, dass Avantgardistisches eingängig klingt. Selbst ihre gewöhnungsbedürftigen Stimmen hat man am Ende des 100-minütigen und perfekten Konzertabends in sein Herz geschlossen. Sierras am Pariser Konservatorium geschulte Opernstimme ist nicht jedermanns Geschmack, und Biancas kratziger Sprechgesang klingt, als wäre er durch die Verfremdungssoftware Autotune gejagt worden.

Die Schwestern werden bald 30, aber man erkennt immer wieder das Kind in ihnen. Bei der Ragtime-Nummer „Hobscotch“ klatschen sie sich mit den Händen ab, wie man es aus der Pause auf dem Schulhof kennt. Ihre Kunst hat Hand und Fuß. Dafür gab es am Schluss ein getrampeltes Dankeschön-Donnerwetter der Besucher. Auch dafür ist der neue Zeltbau ideal.

Kulturzelt, heute, 19.30 Uhr: Fred Wesley & The New JBs.

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