Annäherung zwischen Popcorn-Resten

Tolles Theater im Kasseler Tif: So ist „Im Kino (The Flick)"

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Beim Putzen in einem Kinosaal: Markus Subramaniam (Avery, links), Artur Spannagel (Sam), Maria Munkert ( Rose).

Kassel. Sebastian Schug inszeniert in Kassel „Im Kino (The Flick)" von der Pulitzerpreisträgerin Annie Baker.

Ist denn das die Möglichkeit? Eine banale Filmkomödie repräsentiert mein Leben am besten? Ein orakelartiger Traum hat Avery das klargemacht. Nicht tolle Filmkunst, Tricktechnik, Schauspielerleistung. Sondern ein 08/15-Machwerk wie „Honeymoon in Vegas“. An dieser Erkenntnis hat der Cineast Avery zu schlucken. Ist er doch ein Film-Nerd, der noch die abwegigsten Titel parat hat, Entstehungsjahre im Schlaf aufsagen kann, B-Schauspieler runterrasselt, als wären es enge Verwandte.

Annie Baker siedelt ihr Dreipersonenstück „Im Kino (The Flick)“ im Milieu der Kinoputzkräfte und Filmvorführer an, und wie sie es schafft, daraus in vielen (allerdings längst nicht allen) Momenten Allgemeingültigkeit zu generieren, große Leinwandvisionen mit den Alltagsträumen realer Menschen in Verbindung zu bringen und ineinander zu spiegeln, ist absolut sehenswert.

Regisseur Sebastian Schug inszeniert ihr Stück als deutschsprachige Erstaufführung, er bringt am Kasseler Staatstheater die Arbeit der 35-jährigen Pulitzerpreisträgerin zum ersten Mal auf eine deutschsprachige Theaterbühne. Und bei der Premiere am Freitagabend auf der Studiobühne des Tif wollte der donnernde Applaus kaum enden. Nach viel Kichern und gebannter Konzentration im Publikum während der 165-minütigen Aufführung.

Avery (Markus Subramaniam) ist eine Art Student. Das will er jedenfalls wieder sein, wenn er seinen ein Jahr zurückliegenden Selbstmordversuch mental überwinden und seine Auszeit im Schoß des Elternhauses abschließen kann. Der Kino-Enthusiast versteckt hinter seinen geschliffenen Plädoyers für die 35-mm-Filmrolle und gegen Digitalisierung jede Menge Unsicherheit und Angst.

Er heuert an im Team von Sam (Artur Spannagel), der unter seiner Gering-Bildung leidet, aber durch seine Intuition und sein unkorrumpierbares Bauchgefühl oft ziemlich genau weiß, was Tango ist. Und dann ist da noch Filmvorführerin Rose (Maria Munkert), die von Egozentrismus durchdrungen ist, das aber ganz genau reflektiert. Im täglichen Rhythmus von Fegen und Feudeln, im Beseitigen von Popcorn-Resten und verschütteter Cola im Kinosaal ist Raum, um einander vorsichtig von sich selbst zu erzählen, Zuneigung sprießen zu lassen und sich vielleicht sogar körperlich ein wenig näher zu kommen.

Nun hat Annie Baker die Fähigkeit, schreiberisch im Klein-Klein des Joballtags das große Ganze aufscheinen zu lassen. Vielleicht braucht es dazu die Länge des Abends, weil genug Raum sein muss für all das Biografische, das gerade nicht erzählt wird.

Im naturalistisch-karg ausgestatteten Saal (Ausstattung: Christian Kiehl) springt manchmal der Vorführapparat ratternd an, als würde er einen Film zeigen. Textfetzen, Flackerlicht und Musik beschwören Kinozauber herauf (Musik: Johannes Winde).

Als Rose ist Maria Munkert das coole Bomberjacken-Girl, Szenenapplaus erhält sie für ihre mitreißend-heftige Tanzeinlage. Artur Spannagel beweist, dass er allein mit Körperhaltung, etwa einem Straffen des Schultergürtels, von Verlassensein und Schüchternheit erzählen kann. Und der Gast Markus Subramaniam ist eine echte Bereicherung. Er zeichnet seinen Avery mit einer quecksilbrigen Unruhe und setzt die Körpersprache mancher Twentysomethings ein, dieses überdeutliche Gestikulieren, das stets ironisch nahelegt, man meine nicht unbedingt ernst, was man sagt, man könne sich ebensogut direkt wieder distanzieren. Fabelhaft!

Wieder am 25.5., 15.6., Kartentelefon: 0561-1094-222.

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