Tomte-Sänger Thees Uhlmann präsentiert sein Solo-Debüt

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Seine Band Tomte gibt es auch weiterhin: Aber solo klingt Thees Uhlmann (hier in Zagreb) fast noch besser.

Den Jugendlichen der Generation Internet muss die Zeit, in der Thees Uhlmann aufgewachsen ist, wie finsteres Mittelalter vorkommen. Bevor der Blondschopf Sänger der Hamburger Band Tomte und die „wichtigste Stimme des deutschen Indierock“ wurde, wie es heute heißt, lebte er in der Kleinstadt Hemmoor irgendwo zwischen Stade und Cuxhaven.

Als Uhlmann 15 war, gab es noch kein Facebook und in der Provinz keine hippen Szenen, die ihm das Erwachsenwerden einfacher gemacht hätten. Einmal fuhr er mit seinen Freunden 50 Kilometer zum Heavy-Metal-Abend in einem Jugendzentrum, wo nur ein Kassettenrekorder lief und die Jugendlichen mit ihren Haaren um die Wette moshten. „Als mich meine Eltern am Ortsschild abholten, konnten wir den Kopf nicht mehr heben“, sagt der 37-Jährige im Interview mit unserer Zeitung.

Mit seiner Band Tomte und seiner Hamburger Plattenfirma Grand Hotel van Cleef ist Uhlmann zu einem Prominenten der Hansestadt geworden. Für die Entertainerin Ina Müller ist er „die coolste norddeutsche Zahnlücke mit den tollsten Texten“. Trotzdem und obwohl Uhlmann nun in Berlin lebt, geht es auf seinem gerade erschienenen Soloalbum vor allem um das Leben in der Provinz.

„Du kriegst die Leute aus dem Dorf, das Dorf nicht aus den Leuten“, heißt es in „LAT: 53.7 LON: 9.11667“, einer wunderbaren Hymne auf seine Heimat, in die er mit seiner Tochter oft zurückkehrt. Uhlmann zitiert Bruce Springsteen, und im Presseinfo steht Niedersachsen in einer Reihe mit New Jersey, wo der Boss herkommt. Auch das Cover zeigt ihn in einer Springsteen-Pose.

„Wenn du auf dem Dorf groß wirst, kannst du nicht arrogant sein. Sonst bist du ganz schnell draußen.“

Uhlmann hatte nie Angst vor Pathos und großen Worten. Als keine Plattenfirma seine Band Tomte unter Vertrag nehmen wollte, gründete er mit seinem Kumpel Marcus Wiebusch von Kettcar selbst ein Label. „Ich habe Tomte von einer Schweinehängerbühne auf einem Straßenfest auf die größten Festivals gebracht“, sagt Uhlmann, der nach zwölf Jahren und dem mauen Album „Heureka“ (2008) eine Auszeit wollte.

Die Songs hat er nicht mehr an der Gitarre, sondern am Piano komponiert. Sie sind jetzt aufwändiger arrangiert, „mehr Tamtam statt Tomte“, heißt es. In „& Jay-Z singt uns ein Lied“ ist der Rapper Casper zu hören. „Das Mädchen von Kasse 2“ ist eine Hommage an eine Schlecker-Kassiererin von nebenan, die von einem BMW-Fahrer angemacht wurde, weil es ihm nicht schnell genug ging. Für viereinhalb Minuten wird die Kassiererin zur Königin.

Seinen emotionalen Absolutismus wird sich Uhlmann hoffentlich nie abgewöhnen. Den Traum, einmal ganz oben in den Charts zu stehen, hat er hingegen aufgegeben, denn er weiß: „Ich mache nur unmoderne Rock’n’Roll-Musik.“

Selbst in postmodernen Zeiten bleibt Uhlmann ein Romantiker. Einmal klagte ein sächsischer Tomte-Fan, dass ihn seine Freundin verlassen habe. Der Rockstar tröstete ihn, und als auch das nichts half, sagte er: „Komm nach Berlin, du pennst auf meiner Couch.“ Jetzt ist er so etwas wie Uhlmanns kleiner Bruder.

Thees Uhlmann: Thees Uhlmann (Grand Hotel van Cleef). Wertung: vier von fünf Sternen

Von Matthias Lohr

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