Das Quatuor Diotima spielt bei den Kasseler Musiktagen in fünf Konzerten Spitzenwerke von Beethoven, Schönberg und Boulez

Die Summe der Gattung Streichquartett

Konzert-Marathon in musikalischen Gipfelregionen: Das Quatuor Diotima mit (von links) Yunpeng Zhao und Constance Ronzatti (Violinen), Franck Chevalier (Viola) und Pierre Morlet (Violoncello). Foto: Fischer

Kassel. Der Vergleich mit einem Langstreckenlauf ist nicht weit hergeholt: Eine große Anstrengung, die aber durch die heftige Ausschüttung von Glückshormonen zu einem großen Erlebnis wird. Fünf Konzerte in fünf Tagen gibt das französische Quatuor Diotima derzeit bei den Kasseler Musiktagen. Ein Langstreckenlauf nicht nur für die vier Musiker, sondern auch für das – mittlerweile euphorisierte – Publikum.

Die Besonderheit dabei: Der Lauf führt nicht durch bequeme Ebenen des musikalischen Repertoires, sondern in hohe, teils wenig erschlossene Regionen. Die fünf späten Streichquartette von Ludwig van Beethoven (ab dem Es-Dur-Quartett op. 127) werden konfrontiert mit den vier autorisierten Streichquartetten Arnold Schönbergs und dem 1948 begonnenen, vielfach umgearbeiteten Streichquartettwerk von Pierre Boulez, „Livre pour Quatuor“. DIE REIHE

Wenn der künstlerische Leiter der Kasseler Musiktage, Dieter Rexroth, in seinem zehnten und letzten Jahr ein Fazit der Streichquartettreihen der vergangenen Jahre ziehen wollte, so hätte er kein besseres Programm wählen können, denn die gespielten Werke führen an die Grenze dessen, was für diese Musikgattung kompoponiert wurde: Beethoven, der die Möglichkeiten des Streichquartetts im klassischen Rahmen voll ausschöpfte. Dann Schönberg, der mit dem Streichquartett den Übergang von der Dur-Moll-Tonalität in die freie Atonalität und Zwölftönigkeit vollzog, und Boulez, der die Musik komplett in die Parameter Tonhöhe, Tondauer, Rhythmus und Dynamik aufspaltete und daraus eine Musik von beispielloser struktureller Reinheit komponierte. DIE INTERPRETEN

Seit fast 20 Jahren besteht das Quatuor Diotima mit Sitz in Paris und hat sich als Spitzenquartett speziell für die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts etabliert. Erst in diesem Jahr wurde die Position der zweiten Geige mit Constanze Ronzatti neu besetzt. DIE KONZERTE

Nach drei Konzerten und mehr als sechs Stunden Musik ist die Begeisterung beim Publikum im Kasseler Ständesaal groß: Die herausragende spielerische Präzision des Quatuor Diotima verbindet sich mit einer Gänsehaut erzeugenden Emphase, aber auch mit einer wunderbaren Diskretion in den leisen, verinnerlichten Sätzen.

Welche Stücke soll man herausheben? Vielleicht die Schönberg-Quartette Nr. eins und zwei, die Fülle des Ausdrucks im ersten, der spannende musikalische Aufbruch in die Moderne im zweiten – mit dem sensationell intensiven Sopransolo von Sarah Maria Sun „Ich fühle Luft von anderem Planeten“.

Von Beethoven sind (als Extreme) die grandios dicht gespielte Große Fuge B-Dur op. 133 und die atmende Ruhe des Adagios (6. Satz) aus dem cis-Moll- Quartett op. 131 zu nennen, von Boulez der Satz III a, der gläserne Klarheit mit Klangsinnlichkeit verbindet.

Heute, 20 Uhr, Ständesaal Kassel: 5. Konzert, Beethoven op. 135 und Essay von Dieter Rexroth.

Von Werner Fritsch

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