Topaktuell

Goldonis „Der Impresario von Smyrna“ im Staatstheater

Bekamen besonderen Applaus: Birte Leest (Annina, hinten), Caroline Dietrich (Lucrezia, links), Eva-Maria Keller (Tognina) als konkurrierende Sopranistinnen.

Kassel. „Der Gewinn muss maximiert werden“, sagt Graf Lasca (Jürgen Wink), der Mäzen und Strippenzieher, der die Sängerinnen gern auch mal befingert und dessen dickem Geldpaket die Künstler am Ende folgen wie der Flöte des Rattenfängers von Hameln.

Die Oper, die er in Smyrna errichten lassen will, sei ein Bankhaus, hofft der reiche Türke Ali, und muss feststellen: Es geht zu „wie im Irrenhaus“. Es gilt der Kunst? Nein, in Carlo Goldonis (1707-1793) „Der Impresario von Smyrna“ ist Singen, nah an der Prostitution, eine Sache von Leben und Tod. Schirin Khodadadians Inszenierung der Komödie wurde am Samstagabend im vollen Kasseler Staatstheater mit viel Applaus aufgenommen.

Es geht um die Kunst als Ware – und um das Überleben der Sänger, die gar nicht erst auf Profit, sondern überhaupt auf ein Engagement hoffen. Ein aktueller Stoff, und in die kurzweiligen eineinhalb Stunden mischte sich ein bitterer Beigeschmack. Ersetze Smyrna (das heutige Izmir) durch Dubai, wo westliche Künstler, Museumsleiter oder Architekten Auskommen finden. Und statt der Sänger, die im Venedig des Jahres 1759 beim Wirt Beltrame (Matthias Fuchs) in der Kreide stehen und um Vorschüsse betteln, lässt sich an Freischaffende heute denken, die sich von einem Honorar zum nächsten hangeln. Ja, an alle, die sich auf dem Arbeitsmarkt anpreisen und dafür „lächeln und hübsch artig sein“ müssen.

Die Oper in Smyrna ist „die Jahrhundertchance, das Weltprojekt“. Alle drängelt es „zum Fressnapf“. Aber wie für sich werben, ohne allzu unbescheiden zu wirken? Protzen oder unterwürfig sein? Das Sich-Verkaufen, -Verbiegen und in den Vordergrund schieben, das Konkurrieren, Übereinander-herziehen und Bauchpinseln, all das stellen die Sänger, aufgepimpt mit viel Gold und Glitzer, Rüschen, Pelz, Plateauschuhen und falschen Haarteilen (Kostüme: Ulrike Obermüller), ganz körperlich dar: Sie drängen sich auf der von Carolin Mittler karg eingerichteten Bühne auf einem Sofa, suchen ihre Position auf einem Sessel, umringen Ali, den möglichen Gönner (herrlich sein Goldkettchen-Ghettosprech: Thomas Meczele), auf seiner Chaiselongue. Sie machen viel Wind, nicht nur mit dem Gebläse, das den Vorhang bewegt, untermalt von Hafengeräuschen, Möwengeschrei, dezenter Musik (Katrin Vellrath). Er hebt sich erst nach der Hälfte, vorher wird am Bühnenrand gespielt, dicht am Publikum.

Karten:
 - www.staatstheater-kassel.de
 - Tel. 0561/1094-222.

Da haben wir die eitlen, aber verzweifelten Sänger, den Tenor Pasqualino (Björn Bonn) und den Falsetissten Carluccio (Alexander Weise), die ihre desolate Lage nicht eingestehen dürfen, ebenso kennengelernt wie den Agenten Nibio (Aljoscha Langel), der mit der Vermittlung von Verträgen auch noch seinen Schnitt machen will. Einen verdienten Extra-Applaus erhielt das Damentrio Caroline Dietrich (Lucrezia), Eva-Maria Keller (Tognina) und Birte Leest (Annina) für sein fabelhaftes Buhlen: Nur eine kann die Primadonna sein.

Hier aber war das gesamte Ensemble großartig. Toll auch, wie es spontan reagierte: auf ein Niesen, die Hilfe der Souffleuse, ein Handy-Klingeln.

Nächste Termine: 14.2., 22.2., 28.2., 8.3., 12.3., 15.3.

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