Liebe zwischen Hardrock und Humpta: "Tosca"-Premiere am Deutschen Theater Göttingen

+
Im Regen: Rebecca Klingenberg (Floria Tosca, links), Volker Muthmann (Mario Cavaradossi) und Dorothée Neff (Marie-Caroline, Königin von Neapel). 

Göttingen. Das Schauspiel  "Tosca", Vorlage der berühmten Puccini-Oper, wird in Göttingen von Regisseur Joachim Schloemer gründlich umgekrempelt.

Rockgitarren donnern Giacomo Puccini weg. Das Deutsche Theater in Göttingen zeigt „Tosca“ von Victorien Sardou, das französische Schauspiel von 1897, das der Komponist als Grundlage für seine Oper nahm, die zu einem der beliebtesten Werke des Musiktheaters wurde. Die Schauspielvorlage hingegen ist heute wenig bekannt.

Am Deutschen Theater setzen Regisseur Joachim Schloemer und der musikalische Leiter Michael Frei zur freundlich beklatschten Premiere am Samstag auf Hardrock – also auf größtmöglichen Kontrast zu Puccinis fragilem Melodram, zu seinen melancholischen Motiven, die von Eifersucht, Liebe und Verzweiflung erzählen und in den berühmten Arien „Vissi d’Arte“ und „E lucevan le stelle“ gipfeln. Musikpreziosen, die so tief in die Seele eindringen wie gut geschliffene Messer in die Haut, deren Schnitt man zunächst gar nicht bemerkt.

Hier wabern nun krachige Bässe und harte Gitarrensounds, die dreiköpfige Band trägt Langhaarperücken und Metal-Shirts. Die Bühne, die mit ihrer aufsteigenden Bestuhlung Kirchenschiff oder Konzertsaal sein könnte, ist voller Erde, in der man wühlt und sich wälzt. Es regnet.

Kirche und Konzertsaal – das sind die Betätigungsfelder für die beiden Promi-Künstler Roms: Maler Mario Cavaradossi gestaltet ein Porträt der Büßerin Maria Magdalena, die gefeierte Sängerin Floria Tosca hat musikalische Verpflichtungen bei Hofe. Der liberale Freigeist und die monarchistische Katholikin finden trotz ihrer Gegensätzlichkeit und Toscas nagender Eifersucht immer wieder in Leidenschaft zusammen – bis Cavaradossi durch die Begegnung mit dem geflüchteten politischen Häftling Cesare Angelotti (Moritz Schulze im Che-Guevara-Look) radikalisiert wird.

Er versteckt ihn, zieht Tosca ins gefährliche Geheimnis mit hinein, riskiert viel – und alle drei verlieren letztlich alles, denn Polizeichef Scarpia steht selbst unter so starkem politischen Druck, dass er eisenhart durchgreifen muss. Und er liebt es, Frauen sadistisch zu demütigen.

Die Geschichte ist also spannend, vielschichtig, daueraktuell. Auch ist Rebecca Klingenberg eine charmant-angriffslustige, gefühlvolle Tosca, die sich Scarpia selbstbewusst zur Wehr setzt. Volker Muthmann im Blouson mit Glitzersteinchen zeichnet Cavaradossis Entwicklung zum revolutionären Erwachen mit feinem Strich nach, und Gerd Zinck stattet seinen Scarpia mit immenser Grandezza aus, obwohl er mit fieser Glanzleggings, Halskrause, Strähnhaar und weißer Schminke aussieht wie eine Mischung aus Ozzy Osbourne und Riffraff (Bühne und Kostüme: Giulia Paolucci).

Nichts gegen Regietheaterideen, aber es bleibt unverständlich, warum Regisseur Schloemer den Stoff mit Albernheiten aufpimpt – mit dem Gematsche im Erdreich von Dorothée Neff als Königin Marie-Caroline, mit yogamäßigen Atemübungen des Hofstaats, mit der übergeschnappten Kreischerei von Polizeiagent Spoletta (Florian Donath), als er zusammenhanglos verkündet, der König habe einen großen Stör gefangen, und mit der Fernsehprediger-Show von Gabriel von Berlepschs Chefinquisitor.

Im Rock-Sound scheinen zwar Motive der Oper auf, mit Humpta und Schenkelklopfen soll ihnen aber jede Poesie ausgetrieben werden. Nur „E lucevan“ bleibt. Volker Muthmann singt es zur Gitarrenbegleitung charismatisch und melancholisch wie ein italienischer Songpoet.

Wieder am 25.4. und 18.5., Karten: Tel. 0551 / 4969 300.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.