Er ist stärker als die Zeit

Oft totgesagt, nun wird er 70: Ein ABC zu Udo Lindenberg 

Auftritt 1984 im Münchner Olympiastadion.

Er ist ein Gesamtkunstwerk: Um Udo Lindenberg zu erkennen, reicht sein Schattenriss. Das hat vorher vermutlich nur Elvis Presley geschafft.  Am Dienstag wird er 70. Ein ABC über den König des deutschen Rock.

A wie Atlantic: So heißt das Hotel an der Hamburger Außenalster, in dem Lindenberg seit mehr als 20 Jahren wohnt. „Da habe ich alles“ sagt Udo, „meine Ruhe, wenn ich sie haben will, aber auch jede Menge total unterschiedliche Leute an der Bar.“

B wie Brille: Neben seinem Hut das Markenzeichen von Lindenberg, der sich hinter dunklen Gläsern versteckt: „Die Sonnenbrille ist ein Schutzvisier. Ich bin sensibel. Das kann man auch aus meinen Texten herauslesen.“

C wie cool: Anglizismus, den Lindenberg in jedem zweiten Satz unterbringt – ebenso wie easy. Für seine Kunstsprache und seine deutschen Texte, mit denen er im Rock Pionier war, erhielt Lindenberg 2010 in Kassel den Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache.

D wie Doppelkorn: 15 davon trank Lindenberg früher vor manchen Auftritten. Von den Musikern seines Panikorchesters durfte keiner auf die Bühne, der weniger als 1,3 Promille hatte. Trocken ist der Meister heute nicht, aber „ich saufe viel gezielter“, sagt er.

E wie Erich: Doppelt bedeutsam. Dem einstigen DDR-Staatschef Erich Honecker widmete Lindenberg 1983 seinen Hit „Sonderzug nach Pankow“. Lindenbergs acht Jahre älterer Bruder Erich, ein Maler, starb 2006 den Herztod. Danach änderte Udo sein Leben.

F wie Feier: Wird es am 17. Mai nicht geben. Udo hält nicht viel von Geburtstags-Partys. Sein Credo lautet: Das ganze Leben ist eine Feier. An dem Tag, an dem er 70 wird, probt er in der Arena auf Schalke, wo wenig später seine Stadion-Tour startet.

G wie Gronau: 45 000-Einwohnerstadt an der deutsch-niederländischen Grenze, in der Lindenberg am 17. Mai 1946 geboren wurde und mit drei Geschwistern aufwuchs. In Interviews sagt der Rockstar oft den Satz: „Nie wieder zurück nach Gronau.“ Dort ist man jedoch stolz auf seinen berühmtesten Sohn. Es gibt sogar ein Rock’n’popmuseum.

H wie Hottentottenmusik: Abfällige Bezeichnung für Rockmusik. Mitte der 60er studierte Lindenberg in Münster Musik – bis der Dozent ihn und seinen späteren Bassisten Steffi Stephan fragte, ob sie weiter Hottentottenmusik oder richtige Musik machen wollten. Udo entschied sich mit seinem Kumpel für den Rock, musste aber erst noch zur Bundeswehr.

I wie Intro: Die „Tatort“-Titelmelodie nahm Jazzmusiker Klaus Doldinger mit seinem Quartett 1970 auf. Am Schlagzeug trommelte Lindenberg. Bis heute ist er im Intro zur ARD-Krimireihe zu hören.

J wie Jazz: Musikrichtung, mit der Lindenberg groß wurde.      Im einzigen Live-Club seiner Heimatstadt Gronau bewunderte er als Teenager Jazz-Bands. Bald brachte er sich selbst das Trommeln bei.

K wie Kellner: Beruf, den Lindenberg mit 15 Jahren im Hotel Breidenbacher Hof in Düsseldorf erlernte. Eigentlich wollte er Kellner auf einem Kreuzfahrtschiff werden.

L wie Lindiismus: So nennt Udo seinen Kunststil, der nicht nur Musik und Malerei beinhaltet, sondern auch ein Gesamtkunstwerk ist. Lindenberg lässt sich von niemandem etwas sagen: „Ich mache immer meinen Streifen.“

M wie Malen:  Lindenbergs zweite große Leidenschaft, die er sehr unorthodox betreibt. Die Leinwand bespritzt er mithilfe eines Schlagzeugs, das er Ejakulator nennt. Die in Alkohol eingefärbten Werke heißen Likörelle.

N wie Nacht: Zeitraum, in dem Lindenberg am aktivsten ist. Kurz nach Mitternacht joggt er mit seinem Kumpel, dem Schriftssteller Benjamin von Stuckrad-Barre, um die Alster. Ins Bett geht es selten vor fünf Uhr morgens.

O wie Ohrwürmer:  Hat Lindenberg unzählige geschrieben. Von „Alles klar auf der Andrea Doria“ (1973) über „Ich lieb’ Dich überhaupt nicht mehr“ (1988) bis zur aktuellen Ballade „Durch die schweren Zeiten“. Die besten sind im Udo-Musical „Hinterm Horizont“ zu hören, das seit fünf Jahren in Berlin und bald in Hamburg läuft.

P wie Panikorchester: Band, die Lindenberg seit 1973 begleitet. Die Musiker sind zugleich der harte Kern seiner Freunde, die Lindenberg „meine Familie“ nennt.

Q wie Qualität:  Bescheinigen ihm alle. Für Autor Benjamin von Stuckrad-Barre ist er „der größte deutsche Nachkriegslyriker“. Ein Kritiker urteilte: „Niemand in diesem Land hat so viel Soul wie dieser alte weiße Mann, der das Singen nie gelernt hat.“

R wie Republik: Eine Udopie von Lindenberg. Seine „Bunte Republik Deutschland“ soll multikulturell, tolerant und überhaupt ganz easy sein.

S wie Schalmei: Holzblasinstrument, das Lindenberg 1987 von DDR-Chef Erich Honecker erhielt. Zuvor hatte der Musiker dem Politiker eine Lederjacke und eine Gitarre mit der Parole „Gitarren statt Knarren“ geschenkt. Udos Karriere ist auch ein Stück deutsch-deutscher Geschichte.

T wie Tine: Vorname seiner Freundin, die seit 1999 auch seine Hausfotografin ist. Vor Tine Acke lief es in der Liebe selten rund. „Für die Anfangstage bin ich geeignet, aber beim Happy End bin ich ein Versager“, sagt Lindenberg.

U wie unten durch: War Lindenberg oft – sowohl künstlerisch als auch körperlich: „Ich war mehrfach halbtot und bin längst im Bonus-Bereich des Lebens angekommen.“

V wie Votan Wahnwitz:  Titel des 1975 erschienenen Albums, in dem Lindenberg seinem Vater Gustav ein Denkmal setzte, der gern Dirigent geworden wäre.

W wie WG: Zeitweilig das Zuhause von Lindenberg, der einst in Hamburg mit späteren Stars wie Otto Waalkes und Marius Müller-Westernhagen zusammenlebte.

X wie x-Bewunderer: Unter jungen Kollegen hat Lindenberg besonders viele Fans. Etwa Max Herre, Clueso und Jan Delay, der findet: „Udo ist der Derbste.“

Y wie das Y in Elli Pyrelli: Eine von vielen Kunstfiguren, die Lindenberg erschuf. Auch Rudi Ratlos und Bodo Ballermann gab er eine Stimme.

Z wie Zaster: Hat Lindenberg mit mehr als 20 Millionen verkauften Tonträgern genug gemacht. Trotzdem ging es ihm in den 90er-Jahren schlecht. Heute ist Udo erfolgreicher denn je. 2016 verkaufte sich bislang kein anderes Album in der ersten Woche nach der Veröffentlichung so gut wie sein „Stärker als die Zeit“.

Eine sehenswerte ARD-Doku über Udo Lindenberg finden Sie hier.

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