Indierock seit 22 Jahren

Totocotronic im Interview: „Es gibt viele, die uns hassen“

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Spielen am 31. Juli im Kulturzelt: Jan Müller (von links), Rick McPhail, Dirk von Lowtzow und Arne Zank von Tocotronic.

Tocotronic gelten als einer der wichtigsten deutschen Rockbands. Sein neues Album stellt das Quartett am 31. Juli im Kasseler Kulturzelt vor. Wir sprachen mit Sänger Dirk von Lowtzow.

Auch nach 22 Jahren Tocotronic kann man nichts Schlechtes über die Hamburger Indierock-Band sagen. Der Musiker Kristof Schreuf etwa schrieb: „Wenn heute jemand Tocotronic kritisiert, wirkt das, als würde er sich mit dem Horizont anlegen.”

Mit ihrem Gitarrenschrammelrock, genialer Pop-Prosa und Trainingsjacken begründeten die deutschen Nirvana in den 90ern eine eigene Jugendbewegung. „FAZ“-Redakteure schmuggelten die Slogans ihrer Texte jahrelang als Überschriften ins Blatt. Sein „Rotes Album“, ein sehr schönes Konzeptwerk über die Liebe, stellt das Quartett am 31. Juli im Kasseler Kulturzelt vor. Wir sprachen mit Sänger Dirk von Lowtzow (44).

In den gerade erschienenen „Tocotronic-Chroniken” heißt es, Ihre Band sei die „schönste und klügste und bewegendste Gruppe”, die Deutschland in den vergangenen 20 Jahren hervorgebracht habe. Werden Sie rot, wenn Sie so etwas lesen? 

Dirk von Lowtzow: Nein, das sind ja Tatsachen (lacht).

Wie können Sie damit umgehen, so sehr geliebt zu werden?

von Lowtzow: Ich kann das genießen, ohne größenwahnsinnig zu werden. Es gibt ja auch viele, die einen nicht lieben oder sogar hassen. Das ist doch das Schöne an der Popmusik. Wenn ich aber manchmal sehe, wie unsere Musik im Feuilleton durchtheoretisiert wird, denke ich schon: „Aha, das ist aber interessant.”

Wie viel Überwindung hat es gekostet, ein ganzes Album über Liebe zu schreiben? Beim Lieblingsthema des Pop besteht ja immer die Gefahr, dass man etwas über sich preisgibt.

von Lowtzow: Das hat sehr viel Überwindung gekostet. Wenn man über die Liebe schreibt, kommt das immer auf einen zurück. Wir möchten jedoch niemanden mit allzu persönlichen Dingen plagen. Das finde ich ganz schlimm. Andererseits war schon das Nachdenken über das Thema sehr interessant.

Ist das „Rote Album” schon Schlager?

von Lowtzow: Ich habe nichts gegen Schlager, aber weder die Harmonien noch die Arrangements oder Texte sind schlagerartig. Die neuen Songs klingen einfach nicht mehr so rockig. Die letzten Alben hatten einen dreckigen Sound. Wir sind mit Punk und Grunge groß geworden, hatten aber immer auch eine große Affinität zur britischen Popmusik. Das hat sich auch in unseren Frisuren niedergeschlagen. Wir fanden das geil. Deshalb haben wir diesmal ein Pop-Album gemacht.

In „Die Erwachsenen” heißt es: „Man kann den Erwachsenen nicht trauen. Wir sind Babys. Wir spucken ihnen ins Gesicht.” Sie trauen der Welt der Erwachsenen nicht, oder?

von Lowtzow: Das kann man so sagen. Das hat aber nicht unbedingt etwas mit dem biologischen Alter zu tun, sondern mit der Einstellung. Es geht um ein Gefühl, das man hat, wenn man mit Leuten zu tun hat, die gar nichts mehr wollen oder total festgefahren sind. Da fühlt man sich wie ein Ufo, weil man merkt, dass alle um einen herum anders sind.

Ist das auch eine Form des Dagegenseins, wie sie für Rockbands identitätsstiftend ist?

von Lowtzow: Ja, aber die meisten Rockbands würden nie von sich behaupten, dass sie Babys sind. Wir setzen die Infantilität als Waffe ein, denn die Babys spucken die Erwachsenen auch an.

Wie war das Aufwachsen in einem Vorort von Offenburg, über das Sie 1995 das Lied „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ geschrieben haben?

von Lowtzow: Sehr schön und auch schrecklich. Punks gab es in der badischen Provinz nicht viele. Wir waren sechs Leute und hatten das Gefühl, keine Ufos zu sein, wenn wir zusammen waren. Daraus sind lange Freundschaften entstanden. Das ist auch eine Form von Liebe. Vieles war natürlich desillusionierend. Es gab keine Auftrittsmöglichkeiten. Und wenn man im Plattenladen ein geiles Album von Hüsker Dü fand, war das die absolute Ausnahme. Es gab ja kein Internet. Aber dieser Mangel war gut für die Fantasie. Man hat sich vieles selbst erschaffen. Unsere Konzerte haben wir im Jugendzentrum selbst organisiert.

Ihr Gesang hat sich in all den Jahren verändert. Wie kommt es, dass Ihre Stimme nun dunkler und theatralischer klingt?

von Lowtzow: Die Stimme verändert sich mit dem Körper und der Zahl der Zigaretten, die man raucht. Zudem möchte man auch anders singen als vor 20 Jahren. Alles andere wäre furchtbar. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich früher gesungen habe, weil ich unsere alten Platten nie anhöre. Ich kann meine Musik nicht ertragen. Ein neues Tocotronic-Album höre ich drei Monate und dann nie wieder. Danach ist es zu schmerzhaft. Man schämt sich.

Tocotronic: Das Rote Album (Universal). Wertung: vier von fünf Sternen.

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