Kasseler Musiktage: Porträt des Komponisten Jörg Widmann

Tradition und Freiheit

Temperamentvolles Mozart-Spiel: Das Leipziger Streichquartett mit Stefan Arzberger (links, 1. Violine), Tilman Büning (2. Violine), Ivo Matthias Moosdorf (Violoncello) und Ivo Bauer (Viola). In der Mitte Klarinettist Jörg Widmann. Foto: Schoelzchen

Kassel. Zur Zeit Mozarts war es noch eine Selbstverständlichkeit, dass ein Komponist auch als Instrumentalist auftrat. Seine Klavierkonzerte führte Mozart beispielsweise selbst auf. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist die Spezialisierung in der Musik so weit fortgeschritten, dass Komponisten nur noch selten als ausübende Musiker in Erscheinung treten.

Bei Jörg Widmann (36) ist das anders. Der gebürtige Münchner lehrt als Klarinettist an der Freiburger Musikhochschule. Gleichzeitig zählt er zu den gefragtesten Komponisten seiner Generation. Sich auf eine Tätigkeit beschränken zu müssen, fände er „traurig“, sagte Widmann im Gespräch mit dem Leiter der Kasseler Musiktage, Dieter Rexroth.

Mit dem Komponieren habe er angefangen, weil er Improvisationen festhalten wollte. Nicht ahnend, „wie schwer das würde“. Denn es genügt nicht, so Widmann, einen musikalischen Gedanken in die Welt zu setzen. Es kommt vielmehr darauf an, wie er verarbeitet wird.

Welche Musik schreibt ein Komponist, der sich als Interpret mit der klassisch-romantischen Musik auseinandersetzt? Und wie spielt jemand diese Musik, der komponiert? In der Person Widmanns bündeln sich die Fragen nach dem Wert und der Bedeutung musikalischer Tradition, denen die Kasseler Musiktage unter dem Motto „Haltet die Zeit!“ nachgehen.

Im ersten von zwei Konzerten im ausverkauften Ständesaal mit dem herausragenden Leipziger Streichquartett übernahm Widmann den Bläserpart in Mozarts Klarinetten-Quintett KV 581. Im Gespräch erwähnte Widmann dessen „unnennbare Schönheit“. In seinem Spiel verzichtete er aber auf alles Schwelgerische. Die sehr klare und zügige Interpretation der fünf Musiker betonte die großen Bögen, allerdings dominierte die Klarinette die Streicher etwas zu sehr.

Im zweiten Konzert spielten die Leipziger Widmanns fünf Streichquartette, die als Zyklus fünf Satztypen reflektieren. Sie gehören zu den wichtigsten aktuellen Beiträgen zu diesem traditionsreichen Genre. Faszinierend, wie souverän Widmann mit den kompositorischen Möglichkeiten umgeht.

Etwa im zweiten Quartett, einem langsamen Satz, der geräuschartige Klänge neben ferne Choralechos stellt und sich zuletzt ins Unendliche katapultiert. Oder im gehetzten „Jagdquartett“, einem Scherzo, das bis zum finalen Aufschrei die Tradition eines grimmigen musikalischen Humors beschwört.

Fast erdrückt von Geschichte wirkt das halbstündige Schlussquartett, ein „Versuch über die Fuge“, mit vielen barocken Stilzitaten. Eingeflochten ist ein exzentrischer Sopranpart auf den biblischen Vanitastext „Alles ist eitel“ aus dem Prediger-Buch. Die kurzfristig eingesprungene Sängerin Gabriele Hierdeis setzte hier die Glanzlichter. Heftiger Beifall.

Nächster Termin: Dienstag, 20 Uhr, Kassel, Ständehaus: Cuarteto Quiroga. Haydn, Mendelssohn, Khachatryan.

Von Werner Fritsch

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