Träume an der Staumauer: Theater Anu erzählt die Geschichte(n) des Edersees

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Gigantisch: Die Kulisse der beleuchteten Edersee-Sperrmauer bildet den Hintergrund für diese Szene aus dem Stück „Nachtmeerfahrt“ des Theaters Anu. Fotos: Müller

Edersee. Der helle Korridor ist das Tor in eine andere Welt. „Bereisen Sie mutig das Land Ihrer Träume“, sagt eine sanfte Stimme, während man durch die Kulisse aus Licht und Stoffbahnen schreitet.

Wenige Meter später reibt man sich die Augen. Dort, am Fuße der Edersee-Sperrmauer, betritt man tatsächlich ein nächtliches Traumland. Lange, weiße Lichtbänder weisen den Weg, Stromleitungen erstrahlen in zartem Grün, die 400 Meter lange Mauer selbst leuchtet in Blautönen.

Inmitten dieser gigantischen Kulisse erzählt das Berliner Theater Anu zum 100. Geburtstag der Staumauer die Geschichte(n) des Edersees. Das alles auf der Ebene des Traums: Was ging nachts in den Köpfen der Menschen vor, die ihre Bauernhöfe für den See verlassen mussten? Was träumten die Arbeiter, die das letzte große Bauwerk der Kaiserzeit errichteten? Solche Bilder und Themen sind es, die das Theater Anu den Betrachter mitträumen lässt.

Da taucht im Wasser ein bärtiger Mann auf, der von Kriegsjahren im Schützengraben berichtet. Das Edertal ist ihm angesichts von Wasser und Mauer fremd geworden. Fahles Licht fällt auf sein Gesicht. Er nennt im See versunkene Orte wie Berich beim Namen, ruft in die Nacht: „Was ist mit meiner Heimat passiert?“

Entlang der Lichtbänder geht es zur nächsten Szene: Eine Frau mit lockigen Haaren und Sommerkleid hüpft barfuß über eine Wiese. Sie spricht von Vollmond und davon, einen Liebsten zu finden. Dann schlägt der Ton um, plötzlich erzählt sie von den Ereignissen jener unheilvollen Nacht des 17. Mai 1943, als britische Bomben ein Loch in die Sperrmauer rissen und eine Flutwelle Tod und Zerstörung brachte. Nun kriecht die Frau hinter eine Mauer aus hunderten Gläsern und zeigt sich im Kerzenlicht nackt als Zerrbild.

In solchen Augenblicken schlägt das Theater die Brücke zwischen Traum und Realität, zwischen Fakten und Fiktion. Ebenso in der Kraftwerkshalle an der Mauer, wo ein Professor inmitten eines Kreises aus Glühbirnen vom Fortschrittsglauben des frühen 20. Jahrhunderts und den Kosten der Mauer von „25 Millionen Goldmark“ erzählt, bevor er sich zu wirren Thesen versteigt. „Im Traum schließen wir Frieden mit der Welt“, beschwört ihn ein junger Mann, der die Zuschauer wieder ins Freie führt. Dort erklimmt er vor der riesigen Sperrmauer eine hohe Holzkonstruktion, spricht von der Seele des Sees - und von Wassernixen.

Solche und weitere Szenen lassen viel Raum für Interpretation, eine Einladung an die Fantasie des Betrachters. Am Ende geht es durch den Lichtkorridor wieder in die reale Welt. Was bleibt, ist die Frage: Wie werden die eigenen Träume in dieser Nacht aussehen?

„Nachtmeerfahrt“ ist Teil des Kultursommers. Weitere Aufführungen an der Edersee-Sperrmauer: 7., 8., 9., 13., 14., 15., 16. August. Einlasszeiten 21.30 Uhr, 22 Uhr, 22.30 Uhr. Zuschauergruppen starten zeitversetzt in das begehbare Gelände. Karten (21 Euro, ermäßigt 17 Euro) werden für eine bestimmte Einlasszeit erworben. Es gibt sie unter www.kultursommer-nordhessen.de, in HNA-Geschäftsstellen und am Kartentelefon 01805700733 (kostenpflichtig). (mam)

Von Matthias Müller

Bildergalerie von der Aufführung

Theater Anu erzählt die Geschichte(n) des Edersees

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