Die Tragik des neureichen Prolls: Wagners „Rheingold“ in Bayreuth

Nachts im Motel: John Daszak (Loge, von links), Wolfgang Koch (Wotan) und Albert Dohmen (Alberich). Foto: Nawrath

Nach dem rassistisch motivierten Kirchenmassaker von Charleston im Juni und der damit entfachten Debatte um die Ächtung der Bürgerkriegsfahne der Südstaaten sieht man diese Bilder mit neu geschärftem Blick.

Nibelung Alberich (Albert Dohmen), von Gier nach Macht, Gold und Anerkennung übermannt, umarmt den Fahnenmast, an dem die Flagge der Konföderierten baumelt – nicht nur in den Südstaaten der USA Symbol für Rassismus und einen unhinterfragbaren Anspruch auf Dominanz. Später, wenn Alberich entmachtet ist, holt Mime das Sternenkreuz ein und hisst die Regenbogenflagge der Toleranz und Vielfalt.

Es ist die Stärke einer derartig anspielungsreichen Inszenierung wie dieser von Frank Castorfs „Ring des Nibelungen“ in Bayreuth, die solche Bedeutungserweiterungen möglich macht. Die Machtgier, die durch den Nibelungenschatz hervorgerufen wird, bekommt nun eine weitere Dimension in Richtung Totalitarismus und Überlegenheitsanspruch.

Zum Auftakt der Wiederaufnahme der anfangs äußerst umstrittenen Produktion im Bayreuther Festspielhaus mit dem „Rheingold“ gab es am Montagabend keine Buhs mehr, nur Johlen, Trampeln und rhythmischen Applaus.

Allen voran für den Dirigenten Kirill Petrenko, der fürs Publikum nicht nur durch das (gewonnene) Wettrennen um den Chefposten bei den Berliner Philharmonikern immer mehr zum Antipoden des anderen Bayreuther Taktstock-Stars, Christian Thielemann, zu werden scheint.

Petrenko erzeugt einen soghaften Sound von filmmusikalischer Dramatik und eine dicht gewebte Klangstruktur. Die passt zu den popkulturellen Filmbildern, in die Frank Castorf sein „Rheingold“ einbettet: In einem Motel an der Route 66 (Bühne: Aleksandar Denic) residiert Göttervater Wotan in Ganovenverhältnissen wie aus einem Quentin-Tarantino-Film. Nibelung Alberich tritt nach Erringen des Schatzes als neureicher Proll mit Leoparden-Jackett in Erscheinung (Kostüme: Adriana Braga Peretzki).

Auch im dritten Jahr eine überaus gelungene Inszenierung der Richard-Wagnerschen Parabel von der Jagd nach Macht und Ressourcenkontrolle. Unter dem geborstenen „Texaco“-Logo der Tankstelle geht es um Erdöl.

Aus den zahlreichen Neubesetzungen ragt Albert Dohmen als Alberich heraus. Er rückt mit seinem dunkel leuchtenden Bassbariton und seiner großen darstellerischen Präsenz die Tragik seiner Figur ins Zentrum: ein Mann, der einmal zu oft zurückgestoßen wurde. John Daszak ist ein Loge mit der kühlen Aura des Oberschlauen und klar konturierter Tenor-Stimmgewalt. Bassist Andreas Hörl generiert als neuer Riese Fafner noch recht wenig Überwältigungskraft. Allison Oakes, die man aus dem Vorjahr schon als Gutrune kennt, ist eine hochdramatische Freya mit flexiblem Sopran.

Im bewährten Sängerteam strahlt Wolfgang Koch mit frappierend weichem Bariton, der seinem Wotan eine anziehende Verletzlichkeit gibt. Nadine Weissmann ist eine respekteinflößende Erda mit bezwingend schönem Mezzo, und Claudia Mahnke gibt Fricka ebenso viel Schönklang wie darstellerische Tragik. Euphorisch feierte das Publikum zum „Ring“-Start die Sänger.

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