Das Kasseler Aktionstheater feierte mit „Blaues Blut“ Premiere und gleichzeitig 35-jähriges Bestehen

Tragisches Liebesverlangen

Das Unheil nimmt allmählich seinen Lauf: Werner Zülch als König, Stephanie Hecht als Königin. Foto: Schoelzchen

Kassel. Eine lange Festtafel durchzieht die farblose Halle. Das weiße Porzellangeschirr darauf lässt die Tische fast überquellen. Es ist die Tafel eines Königs. Er sitzt am Kopfende der Tafel und trägt eine Krone aus Pappe. Um den Tisch herum verharren regungslos blass getünchte Gestalten. Unheil liegt in der Luft.

Mit dem Stück „Blaues Blut“ von Heleen Verburg, das auf einer alten keltischen Sage beruht, ist dem Kasseler Aktionstheater in der Regie von Helga Zülch eine Inszenierung gelungen, deren skurril tragische Ausdrucksstärke noch lange nach der Vorstellung einwirkt. Premiere war am Sonntag in der ausverkauften Halle des Dock 4. Gleichzeitig feierte das freie Theater damit sein 35-jähriges Bestehen. Heute ist es aus der Kasseler Kulturlandschaft nicht wegzudenken.

Die Handlung skizziert: In einem Königreich, irgendwo zwischen Märchen- und Mythenland, wird die Geburt einer Königstochter gefeiert. Das Mädchen (Katerina Fierley, glaubhaft ausdrucksstark) wird in eine absurde Welt hineingeboren: Der weibliche Hofstaat trägt Ballettröckchen und Bergsteigerstiefel, der Hofnarr trägt Korsett, hochhackige Damenschuhe und ein grünes Schleifchen im Haar. Lob für Michael Werner, der in dieser Rolle trotz Travestie-Garderobe und Tuntencharme tief menschlich erscheint.

Ein Koch (René Spitzer), besingt die Etappen der sich kontinuierlich abzeichnenden Tragödie mit Liedern aus der Vogelhochzeit. Zunächst gedeiht das Mädchen prächtig, doch nach dem Tod der Mutter nimmt die Trauer des Königs abartige Züge an: „Heirate mich“, fleht er sie an. Das geschockte Mädchen flüchtet aus dem Land.

Als sich beide nach Jahren wieder begegnen, steht die Tragödie Pate. Der krankhafte Monarch (Werner Zülch überzeugend) besteht auf seinem Antrag. Als sich die Tochter erneut weigert, missbraucht er sie. Das Mädchen stirbt.

Fazit: Atmosphärisch dicht, skurrile Bilder, dezent gesetzte Musik (Hartmut Schmidt), fantasievolle Regieeinfälle – ein starkes Stück Theater. Lang anhaltender Applaus. Großes Lob auch für die anderen Darsteller: Miriam Bettin, Stephanie Hecht, Odilie Kennerknecht, Bettina Damaris Lange, Christiane Petzoldt und Josi Schreier.

Von Steve Kuberczyk-Stein

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