Trauer am Stammtisch: Abschied mit Kabarettist Django Asül in Vellmar

Seit Jahren Freunde: Vellmars in Rente gehender Kulturbeauftragter Gerhard Klenner (links) und Kabarettist Django Asül. Foto: Fischer

Vellmar. Obwohl es doch ein trauriger Anlass war, wurde sehr viel gelacht beim Auftritt von Django Asül im Bürgerhaus Vellmar-West. „Das hat etwas von einer Kondolenzveranstaltung“, sagte der Kabarettist am Samstag vor 260 Zuschauern.

Es war der letzte Arbeitstag des Vellmarer Kulturbeauftragten Gerhard Klenner, der Asül 1997 zum ersten Mal auf eine Bühne außerhalb Bayerns geholt hatte und nun mit 65 Jahren in Rente geht. Die beiden sind längst Freunde.

Klenner hat aus Vellmar in den vergangenen 29 Jahren eine Kulturstadt gemacht. Der Gastarbeitersohn Asül hat in dieser Zeit so manchem Deutschen die Angst vor dem Türken genommen, der „an sich ein feiner Kerl ist“, wie der Mann witzelte, der eigentlich Ugur Bagislayici heißt.

Auch für ihn ist es ein Abschied. „Letzte Patrone“ soll sein letztes Bühnenprogramm sein. Asül ist ja auch so gut im Geschäft. Erst am Mittwoch hat er beim traditionellen Maibockanstich im Münchner Hofbräuhaus den bayerischen Politikern die Leviten gelesen. In Vellmar werden die Seehofers und Söders geschont. Asül überrascht vielmehr mit Statistiken, wonach das deutsche Volk jedes Jahr ein paar Tage altere, während er im selben Zeitraum ein ganzes Jahr älter werde.

Seine Restlaufzeit verbringt der Niederbayer jeden Vormittag am Stammtisch des Café Einhellig seines Heimatortes Hengersberg. Dort wird Klartext geredet. Der Hans zum Beispiel sagt, dass er nichts gegen Flüchtlinge habe – so wie er nichts gegen Schnitzel habe: „Aber wenn du fünf Schnitzel hintereinand gessen hast, speist du auf den Tisch.“

Asül entlarvt die nicht immer ganz appetitlichen Ansichten des Stammtisches, wo es heißt: „Die meisten Syrer bei uns sind Marokkaner.“ Oder: „Marokkaner sind alle sexuell veranlagt.“ Gekonnt vermischt der 44-Jährige Autobiografisches mit Weltpolitik und ist immer dann am besten, wenn er in seine Rollen schlüpft, bierbayerisch oder kanaksprech redet. Den türkischen Freund seines Vaters lässt er die „Golobalisierung“ erklären und Sätze sagen wie: „Europa ist kein Kontinent, Europa ist inkontinent.“

Manchmal bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Einmal wettert der PS-Fan gegen selbstfahrende Elektroautos und fragt: Wie entscheide sich denn der Algorithmus, wenn Kinder auf die Straße laufen und der Bremsweg zu kurz ist? Der Wagen kann nur noch ausweichen, entweder nach rechts, wo ein Rentner steht, oder nach links, wo drei Flüchtlinge gehen.

Asül will nicht, dass man sechs Semester Soziologie studiert haben muss, um mitlachen zu können. In den 100 kurzweiligen Minuten von Vellmar leert er nebenbei zwei Weizengläser. Diese Kondolenzveranstaltung war eine Mordsgaudi.

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