Trauer um Tristan: Christoph Marthalers Inszenierung in Bayreuth

Am Ende des Liebesdramas herrscht Erstarrung: (von links) Arnold Bezuyen (Ein Hirt), Michelle Breedt (Brangäne), Iréne Theorin (Isolde), Robert Dean Smith (Tristan), Ralf Lukas (Melot) und Jukka Rasilainen (Kurwenal). Foto:  Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath/ nh

Bayreuth. Auch Operninszenierungen können in Würde altern. Das beste Beispiel hierfür ist Christoph Marthalers und Anna Viebrocks Version des Wagnerschen Liebesdramas „Tristan und Isolde“. Seit 2005 steht die Produktion des schweizerisch-deutschen Regieteams in Bayreuth auf dem Programm.

Am Ende der laufenden 101. Richard-Wagner-Festspiele wird sie Geschichte sein. Vorher aber zeigt sich dieser „Tristan“ noch einmal erstaunlich fesselnd. Nicht weil diese sehr zurückgenommene, ja minimalistische Inszenierung mit spektakulären Szenen aufwarten würde. Eher im Gegenteil: Anders als die diesjährige Neuproduktion, Jan Philipp Glogers aufgesetzt zeitgeistiger „Fliegender Holländer“, legt Marthaler mit präzisen chirurgischen Schnitten die Psyche der Figuren frei.

Ein spannender Blick ins Innere der beschädigten Helden, der äußerlich durch Anna Viebrocks raffinierte Bühnenkonstruktion seine Entsprechung findet: Spielt der erste Aufzug auf einem Schiffsdeck, so geht es in den folgenden Aufzügen jeweils eine Etage tiefer bis in den Keller. Hier, in einer Krankenstation, mündet das unendliche Sehnen Tristans und Isoldes nach erlösender Liebe in den Tod – genauer: in zwei einsame Tode. Flackernde Neonröhren symbolisieren das Verlöschen. Der drogen-induzierte (Liebestrank) Verschmelzungswahn konnte beider Leiden nicht heilen.

Eiji Oue, der 2005 die „Tristan“-Premiere dirigierte, wurde schon 2006 durch Peter Schneider ersetzt. Ihm gelingt es erneut, unterstützt durch die schmeichelnde Festspielhausakustik, jenen suggestiv-sehnenden Klangstrom zu erzeugen, der einst Wagners Zeitgenossen zur Raserei trieb. Die Kehrseite: Schneiders etwas pauschaler musikalischer Herangehensweise mangelt es an Schärfe im Detail.

Davon sind auch die Sänger betroffen. Iréne Theorin, die vom Publikum allzu enthusiastisch gefeiert wurde, singt die Isolde mit großer Stimmgewalt, aber komplett textunverständlich. Robert Dean Smith dagegen, einst als Stolzing auch in Kassel zu hören, muss mit seinen Kräften zu sehr haushalten, um sich vor dem dritten Aufzug stark exponieren zu können. Die sängerisch stärksten Eindrücke hinterließen Kwangchul Youn als König Marke und Jukka Rasilainen als Kurwenal.

Was bleibt den Festspielen nach diesem „Tristan“ an Stützen des Repertoires? Im nächsten Jahr, wenn Frank Castorf einen neuen „Ring“ präsentiert, könnten dies die Ratten in Hans Neuenfels’ „Lohengrin“ sein.

Von Werner Fritsch

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